Rübezahl Part 5
Das Gespenst ohne Kopf.
Seitdem Mutter Ilse von dem Gnomen so herrlich war belohnt worden, ließ er lange Zeit nichts wieder von sich hören. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten, welche die Phantasie der Hausmütter an geselligen Winterabenden so lang und fein ausspann als den Faden am Rocken; es war aber eitel Fabelei, zur Kurzweil ausgedacht. Das letzte beglaubigte Abenteuer war der Gräfin Cäcilie mit dem Gnomen aufbehalten, bevor er seine jüngste Hinabfahrt in die Unterwelt antrat.
Diese Dame machte nebst zwei gesunden blühenden Töchtern die Reise nach Karlsbad. Die Mutter verlangte so sehr nach der Badekur und die Fräuleins nach der Badegesellschaft, nach den Bällen, Serenaden und den übrigen Lustbarkeiten des Bades, daß sie sonder Rast Tag und Nacht reisten. Es traf sich, daß sie gerade mit Sonnenuntergang ins Gebirge gelangten. Es war ein schöner, warmer Sommerabend, kein Lüftchen regte sich. Der nächtliche Himmel mit funkelnden Sternen besät, die goldene Mondsichel, deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten milderte, und die beweglichen Funken unzähliger leuchtender Insekten, die in den Gebüschen scherzten, gaben die Beleuchtung zu einer der schönsten Naturszenen, wiewohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm; denn Mama war, da es
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gemachsam bergan ging, von der schaukelnden Bewegung des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden, und die Töchter nebst der Zofe hatten sich jebe in ein Eckchen gedrückt und schlummerten gleichfalls. Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutscherbocke kein Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er vor Zeiten so inbrünstig angehört hatte, kamen ihm jetzt auf dem Tummelplatz dieser Abenteuer wieder in den Sinn und er hätte wohl gewünscht, nie etwas davon gehört zu haben. Ach, wie fehnte er sich nach dem sicheren Breslau zurück, wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte. Er sah schüchtern nach allen Seiten umher und durchlief mit den Augen oft alle zweiunddreißig Regionen der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig wurde, das ihm bedenklich schien, lief ihm ein kalter Schauer den Rücken hinunter, und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine Besorgnisse dem Schwager Postillon merken und er forschte mit Fleiß von ihm, ob's auch geheuer sei im Gebirge. Wiewohl ihm dieser nun durch einen kräftigen Fuhrmannsschwur versicherte, er brauche für seine Haut nichts zu fürchten, so bangte ihm doch das Herz unablassig.
Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Postkutscher die Pferde an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt nochmals an und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen hatte, ahnte aus diesem Kutschermanöver nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sah mit Entsetzen in der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt daher wandeln, von übermenschlicher Größe, mit einem weißen spanischen Halskragen angetan, und das bedenklichste bei der Sache war, daß der Schwarzmantel keinen Kopf hatte. Hielt der Wagen, so stand der Wanderer, und regte Wipp-
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recht die Pferde an, so ging er auch fürder. „Schwager, siehst du was?" rief der zaghafte Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar. "Freilich sehe ich was" , antwortete dieser ganz kleinlaut; "aber schweig' nur, daß wir's nicht irren." Johann waffnete sich mit alten Stußgebetlein, die er wußte, das Morgen- und Abendgebet mit eingeschlossen, schwitzte dabei vor Angst kalten Todesschweiß. Und wie ein Angsthase, wenn's in der Nacht wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus rege macht, um sich durch die Geselligkeit vor der gefürchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nämlichen Instinkt der verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und klopfte hastig ans Fensterglas. Die erwachende Gräfin, unwillig, daß sie aus ihrem sanften Schlummer gestört wurde, fragte: „Was gibt's?" Ihr Gnaden, schau’n Sie einmal aus," rief Johann mit zaghafter Stimme, „dort geht ein Mann ohne Kopf!" „Dummkopf, der du bist" ,antwortete die Gräfin, "was träumt deine Pöbelphantasie für Fratzen! Und wenn dem so wäre", fuhr sie scherzhaft fort, „so ist ja ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb genug." Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama nicht schmecken, ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: „Ach, das ist Rübezahl, der Bergmönch!" Die Dame aber, die von der Geisterwelt eine ganz andere Ansicht hatte als die Töchter und an keine Geister glaubte als Schöngeister und starke Geister, strafte die Fräuleins dieser pfahlbürgerlichen Vourteile halber, bewies, daß alle Gespenster und Spukgeschichten Ausgeburten einer krankhaften Einbildungskraft wären und erklärte mit überlegener Weisheit die Geisterscheinungen samt und sonders aus natürlichen Ursachen.
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Sie war mit ihrer Rede eben im vollen Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige Augenblicke dem Gespensterspäher aus den Augen geschwunden war, wieder aus dem Busch hervor an den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, daß Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf, nur daß er ihn nicht wie gewöhnlich zwischen den Schultern, sondern wie einen Schoßhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei Schritten erregte innerhalb und außerhalb des Wagens großes Entsetzen. Die holden Fräuleins und die Zofe, welche sonst nicht gewohnt war mitzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem Munde einen Schrei; ließen den seidenen Vorhang herabrollen, um nichts zu sehen, und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß, wenn er dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummen Schrecken die Hände zusammen und ihr ratloses Gebaren ließ vermuten, daß sie insgeheim ihre zuversichtlichen Behauptungen gegen die Gespenster widerrief. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel es besonders abgesehen zu haben schien, erhob in der Angst seines Herzens das gewöhnliche Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßt zu werden pflegen: „AIle guten Geister-;" doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte ihm das Ungetüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, daß er überzwerch von der Zinne des Polsters über den Ringnagel herabstürzte; in dem nämlichen Augenblick lag auch der Postkutscher durch einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt und das Gespenst keuchte aus hohler Brust in dumpfem Ton die Worte aus: „Nimm das von Rübezahl, dem Grenzvogt des Gebirges, weil du ihm ins Gehege fuhrst! Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung" Hierauf schwang sich das Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, über Stock und Stein, daß vor dem
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Rasseln der Räder und dem Schnauben der Rosse von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war.
Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu bemerken, daß diesem der Kopf fehle; ritt vor dem Wagen her, als wenn er dazu gedungen wäre. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft nicht zu behagen, er lenkte nach einer anderen Richtung um, der Reiter tat dasselbe, und so oft auch jener aus dem Wege bog, so konnte er den lästigen Geleitsmann nicht los werden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den Fuhrmann groß wunder, absonderlich da er deutlich wahrnahm, daß der Schimmel des Reiters einen Fuß zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante übrigens ganz schulgerecht trabte. Dabei wurde dem schwarzen Kondukteur auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er fürchtete, seine Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins Spiel zu mischen schien.
Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter, daß er dicht neben den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: „Landsmann ohne Kopf, wo geht die Reise hin?" „Wo wird’s hingehen", antwortete das Kutschergespenst trotzig, "wie ihr seht, der Nase nach." Wohl!" sprach der Reiter, „laß seh'n, Gesell, wo du die Nase hast." Darauf fiel er den Pferden in die Zügel, packte den Schwarzmantel beim Leibe und warf ihn kräftig zur Erde, daß ihm alle Glieder dröhnten; denn das Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie sie orbentlicherweise zu haben pflegen. Behend war der Ohnekopf entlarvt, da kam ein richtiger Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet war wie ein gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und die schwere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte, der Reisige sei der leib-
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haftige Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen hatte, ergab er sich auf Gnade und Ungnade und bat flehentlich um sein Leben. "Gestrenger Gebirgsherr," sprach er, „habt Erbarmen mit einem Unglücklichen, der die Fußtritte des Schicksals von Jugend auf erfahren hat, der nie sein durfte, was er wollte, der jederzeit aus der Rolle mit Gewalt gestoßen wurde, in die er sich mit Mühe hineinstudiert hatte, und nachdem seine Existenz unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht einmal Gespenst sein darf."
Diese Anrede war ein Wort geredet zu seiner Zeit. Der Gnome war gegen seinen Rivalen aufs höchste ergrimmt, und würde nach Maßgabe der oft belobten Hirschberger Justizpflege augenblicklich mit sofortiger Exekution gegen den Wicht verfahren sein und ihn erdrosselt haben, wenn nicht seine Neugierde wäre rege gemacht worden, die Schicksale des Abenteurers zu vernehmen. „Sitz’ auf Gesell”, sprach er, „und tue was du geheißen wirst.” Darauf zog er vorerst dem Schimmel den vierten Fuß zwischen den Rippen hervor, trat an den Schlag, öffnete solchen und wollte die Reisegesellschaft freundlich begrüßen.
Aber drinnen war's still wie in einer Totengruft; der übermäßige Schrecken hatte die Nerven der Damen so gewaltsam erschüttert, daß alles, was innerhalb des Wagens Leben und Odem hatte, von der gnädigen Frau bis auf die Zofe, in ohnmächtigem Hinbrüten dalag. Rübezahl wußte indessen bald Rat zu schaffen; er schöpfte aus dem vorüberrieselnden Bächlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das Riechglas vor, rieb ihnen mit der flüchtigen Essenz die Schläfen und brachte sie wieder ins Leben. Sie schlugen eine nach der anderen die Augen auf und erblickten einen wohlgestalteten Mann von unverdächtigem Anschen, der durch seine Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb. „Es tut mir leid,
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meine Damen", redete er sie an, „daß Sie in meinem Gerichtsbezirk von einem entlarvten Bösewicht sind beleidigt worden, der ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in Sicherheit, ich bin der Oberst von Riesental. Erlauben Sie, daß ich Sie zu meiner Wohnung geleite, die nicht fern ist." Diese Einladung kam der Gräfin sehr gelegen, sie nahm solche mit Freuden an; der Krauskopf bekam Befehl fortzufahren und gehorchte mit zagender Bereitwilligkeit. Um den Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu erholen, gesellte sich der Kavalier wieder zum Fuhrmann, hieß ihn bald rechts, bald links wenden, und dieser bemerkte ganz deutlich, daß der Ritter zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermäusen zu sich berief und ihr geheimen Befehl erteilte, welches sein Grausen noch vermehrte.
In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden zwei und endlich vier; es kamen vier Jäger herangesprengt mit brennenden Windlichtern, die ihren Herrn, wie sie sagten, ängstlich gesucht hatten und erfreut schienen, ihn zu finden. Die Gräfin war nun wieder in vollem Gleichgewichte, und da sie sich außer Gefahr sah, dachte sie an den ehrlichen Johann und war um sein Schicksal bekümmert. Sie eröffnete ihrem. Schutzpatron dieses Anliegen, der alsbald zwei von den Jägern fortschickte, die beiden Unglückskameraden aufzusuchen und ihnen benötigten Beistand zu leisten. Bald darauf rollte der Wagen durchs düstere Burgtor in einen geraumen Vorhof hinein und hielt vor einem herrlichen Palast, der von oben bis unten erleuchtet war. Der Kavalier bot der Gräfin den Arm und führte sie in die Prachtgemächer seines Hauses in eine große Gesellschaft ein, die daselbst versammelt war. Die Fräuleins befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, daß sie in Reisekleidern in einen so glänzenden und erlesenen Zirkel traten, ohne vorher Toilette gemacht zu haben.
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Nach den ersten Höflichkeitsbezengungen gruppierte sich die Gesellschaft wieder in verschiedene kleine Zirkel, einige setzten sich zum Spiel, andere unterhielten sich durch Gespräche. Das Abenteuer wurde viel beredet und, wie es bei Erzählung überstandener Gefahren gewöhnlich der Fall ist, zu einer kleinen Heldengeschichte ausgebildet, worin Mama sich gern die Rolle der Heldin zugeteilt hätte, wenn sich das Riechfläschchen des hilfreichen Ritters hätte wegschwatzen lassen. Bald darauf führte der aufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es mar ein Arzt, der nach dem Gesundheitszustande der Gräfin und ihrer Töchter forschte, den Puls prüfte und mit bedeutsamer Miene mancherlei bedenkliche Symptome feststellte. Ob sich die Dame nach Beschaffenheit ihrer Umstände gleich so wohl befand als jemals, so machte ihr doch die angedrohte Gefahr für das Leben bange; denn aller Leibesbeschwerden ungeachtet, war ihr der gebrechliche Körper noch so lieb wie ein langgewohntes Kleid, das man nicht gern entbehrt, ob es gleich abgetragen ist. Auf Verordnung des Arztes verschluckte sie starke Dosen niederschlagender Pulver und Tropfen, und die gesunden Töchter mußten wider Willen und Dank dem Beispiel der besorgten Mutter folgen. Diese Operation war kaum vollendet, so begab man sich zur Tafel in den Speisesaal, wo ein königliches Mal aufgetischt wurde. Die Schenktische waren mit Silberwerk aufgeputzt, es prangten da goldene und übergoldete Pokale und riesige Willkommen nebst den dazu gehörigen Kredenzschalen von getriebener Arbeit. Herrliche Musik tönte aus den Nebenzimmern und würzte den leckerhaften Schmaus und die feinen Weine. Nachdem die Schüsseln abgetragen waren, ordnete der Speisemeister den Nachtisch, der aus Bergen und Felsen von gefärbtem Zucker bestand. Der Zuckerbäckerwitz, der den Gaumen und das Auge immer leichter zu befriedigen weiß als
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den Verstand, hatte das ganze Abenteuer der Gräfin in niedlichen Wachsfiguren, wie sie oft auf den Tafeln der Großen zu paradieren pflegen, darauf abgebildet. Die Gräfin unterließ nicht, das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie wendete sich an ihren Stuhlnachbar, seiner Angabe nach einen böhmischen Grafen, fragte neugierig, was für ein Festtag hier gefeiert werde und erhielt zur Antwort, daß nichts Außerordentliches vorgehe, es sei nur eine freundschaftliche Begegnung guter Bekannter, die hier zufälligerweise zusammenträfen. Es nahm sie wunder, von dem wohlhabenden gastfreien Obersten von Riesental weder in noch außerhalb Breslau nie ein Wort gehört zu haben, und so emsig sie auch die genealogischen Geschlechtstafeln durchlief, davon ihr Gedächtnis einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirte selbst zu erforschen, wovon sie Aufschluß und Belehrung begehrte; aber dieser wußte ihr so geschickt auszuweichen, daß sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich zog er die Unterredung in die luftigen Regionen des Geisterreichs hinüber; und in einer Gesellschaft, die sich auf den Ton scherzhafter Kurzweil und Geisterseherei stimmt, wird's selten bald Feierabend.
Ein wohlgenährter Domherr wußte viel wundersame Geschichten von Rübezahl zu erzählen; man stritt für und wider die Wahrheit derselben; die Gräfin, die recht in ihrem Elemente war, wenn sie den Lehrton anstimmen und gegen Vorurteile zu Felde ziehen konnte, setzte sich an die Spitze der aufgeklärten Partei und trieb einen gelähmten Finanzrat, an dem nichts Gelenkes war als die Zunge, und der sich zu Rübezahls rechtlichem Anwalt aufwarf, durch ihre Starkgeisterei sehr in die Enge. „Meine eigene Geschichte", fügte sie zum Schlusse noch hinzu, „ist ein augenscheinlicher Beweis, daß alles, was man von dem berufenen
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Berggeiste sagt, leere Träume sind. Wenn er hier im Gebirge sein Wesen hätte und die edlen Eigenschaften besäße, die ihm Fabler und müßige Köpfe zuschreiben, so würde er einem Schurken nicht gestattet haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu treiben. Aber das armselige Unding von Geist konnte seine Ehre nicht retten, und ohne den edelmüdigen Beistand des Herrn von Riesental hätte der freche Bube sein Spiel mit uns so weit treiben können, als er Lust hatte!"
Der Herr vom Hause hatte an diesen munteren Streitreden bisher wenig Anteil genommen; jetzt aber mischte er sich mit ins Gespräch und nahm das Wort: „Sie haben die Geisterwelt völlig entvölkert, gnädige Frau, die ganze Schöpfung der Einbildungskraft ist durch ihre Belehrung wie ein leichter Nebel vor unsern Augen dahingeschwunden. Sie haben auch das Nichtsein des alten Bewohners dieser Gegenden mit guten Gründen allgenugsam nachgewiesen, und sein rechtlicher Beistand, unser Finanzrat, ist verstummt. Dennoch, dünkt mich, ließen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige Einwürfe machen. Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei ihrer Befreiung aus der Hand des verlarvten Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wäre? Wie, wenn dem Freund Rübezahl beliebt hätte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser unverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen? Wenn ich Ihnen nun sagte, daß ich mich als Wirt vom Hause von dieser Gesellschaft nicht einen Fuß breit entfernt habe; daß Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung sind eingeführt worden, der nicht mehr vorhanden ist? Sonach wär's doch möglich, daß der Nachbar Berggeist seine Ehre gerettet hätte, und daraus würde folgen, daß er nicht ganz das Unding wäre, wofür
Sie ihn halten!"
Diese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung,
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und die schönen Fräuleins legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand und sahen dem Tischwirt starr ins Gesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im Scherz gesagt oder Ernst sei. Die nähere Erörterung dieser ungelösten Frage unterbrach die Ankunft des wieder aufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der letztere fühlte eben die Wonne bei Erblickung seiner vier Rappen im Stalle, die der erstere empfand, als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine Herrschaft vergnügt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das ungeheuere Riesenhaupt des Gespenstes umher, durch welches er wie von einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte übergeben, um es zu zerlegen und sein Gutachten darüber auszustellen.
Doch ohne sein anatomisches Messer anzusetzen, erkannte er es alsbald für einen Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte übergeben, um es zu zerlegen und sein Gutachten darüber auszustellen. Doch ohne sein anatomisches Messer anzusetzen, erkannte er es alsbald für einen ausgehöhlten Kürbis, der mit Sand und Steinen angefüllt und durch den Zusatz einer hölzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem grotesken Menschenantlitz aufgestutzt war.
Nach aufgehobener Tafel schied die Gesellschaft auseinander, da der Morgen bereits herandämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetes Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind überraschte, daß die Phantasie nicht Zeit hatte, ihnen die Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und durch ihr gewöhnliches Schattenspiel ängstliche Träume anzuspinnen. Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe klingelte und die Fräuleins weckte, die gern noch einen Versuch gemacht hätten, in den weichen Daunen auch auf dem anderen Ohr zu schlafen. Allein die Gräfin verlangte so sehr, die Heilkräfte des Bades aufs baldigste zu versuchen, daß sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu bewegen war, einen Tag länger zu verweilen, so gern auch die Fräuleins dem Balle bei-
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Gewohnt hätten, den er ihnen zu geben verhieß. Sobald das Frühstück eingenommen war, schickten sich die Damen zur Abreise an. Gerührt durch die freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn von Reisenthel genossen hatten, der auf die höflichste Art bis an die Grenzen seines Gebietes ihnen das Geleite gab, beurlaubten sie sich mit der Verheißung, auf der Rückreise wieder vorzusprechen.
Kaum war der Gnome in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins Verhör geführt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen würden, die Nacht in einem unterirdischen Kerker zugebracht hatte. „Elender Erdenwurm”, redete ihn der Geist an, „was hält mich ab, daß ich dich nicht zertrete für die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn verübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit Haut und Haar für diese Frechheit.” „Großgütiger Regent des Riesengebirges”, fiel der Schlaukopf ein, „so begründet eure Gerechtsame über diesen Grund und Boden sein mögen, die ich euch auch nicht streitig mache, so sagt mir erst, wo eure Gesetze angeschlagen sind, die ich übertreten habe, und dann verurteilt mich.” Diese dreiste Ausflucht, die der Gefangene seinem strengen Richter entgegenstellte, ließen einen sonderbaren Kauz und keinen gewöhnlichen Menschen vermuten; darum mäßigte der Geist seinen Unwillen einigermaßen und sprach: „Meine Gesetze hat dir die Natur ins Herz geschrieben; aber damit du nicht sagen kannst daß ich dich unverhörter Sache verurteilt habe, so rede und bekenne mir frei: wer bist du und was trieb dich, hier im Gebirge als Gespenst zu tosen?” Das war dem Verhafteten lieb zu hören, daß er zum Worte kommen sollte, denn er hoffte, durch die getreue Erzählung seiner Schicksale sich von der verwirkten Rache des Geistes loszuschwatzen, oder die Strafe doch wenigstens zu mindern.
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„Weiland”, fing er an, „hieß ich der arme Kunz und lebte in der Sechsstadt Lauban als ein ehrlicher Beutler meiner Profession kümmerlich von meiner Hände Arbeit; denn es gibt kein Gewerbe, das kärglicher nährt als die Ehrlichkeit. Obgleich meine Beutel guten Vertrieb fanden, weil die Rede ging, das Geld ruhe darinnen wohl, indem ich als der siebente Sohn meines Vaters eine glückliche Hand hätte, so widerlegte sich doch dieser Glaube durch mich selbst: mein eigener Beutel blieb immer leer und ledig wie ein gewissenhafter Magen am Fasttage. Daß aber bei meinen Kunden sich das Geld in den von mir erhandelten Beuteln so wohl erhielt, lag meinem Bedünken nach weder an der glücklichen Hand des Meisters, noch an der Güte der Arbeit, sondern an der Materie meiner Beutel: sie waren von Leder. Ihr sollt wissen, Herr, daß ein lederner Beutel das Geld allzeit fester hält als ein netzförmiger, durchlöcherter von Seide. Wem an einem ledernen Beutel genügt, der ist nicht leicht ein Verschwender, sondern ein Mann, der, wie das Sprichwort sagt, den Knopf auf den Beutel hält; die durchsichtigen aber von Seide und Goldzwirn befinden sich in den Händen vornehmer Prasser, und da ist’s kein Wunder, wenn sie an allen Orten ausrinnen wie ein durchlöchert Faß und, so viel man auch hineinschüttet, dennoch immer leer und ledig bleiben.
Mein Vater prägte seinen sieben Buben fleißig die goldene Lehre ein: Kinder, was ihr tut, das treibt mit Ernst. Darum trieb ich mein Gewerbe unverdrossen, ohne daß mein Nahrungsstand dadurch gefördert wurde. Es kam Teuerung, Krieg und bös Geld ins Land, meine Mitmeister dachten: „Leicht Geld, leichte Ware!” ich aber dachte: „Ehrlich währt am längsten!” gab gute Ware für schlecht Geld, arbeitete mich an den Bettelstab, ward in den Schuldturm geworfen, aus der Innung gestoßen und, als mich meine Gläubiger nicht länger ernähren wollten, ehrlich des Landes verwiesen. Auf
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dieser Wanderschast ins Elend begegnete mir einer meiner alten Kunden; er ritt auf einem stolzen Roß stattlich einher, rief mich an und höhnte mich: „Du Pfuscher, du Lump, bist, seh ich wohl, deiner Kunst nicht Meister, verstehst sie gar schlecht, weißt den Darm aufzublasen und ihn nicht zu füllen, machst den Topf und kannst nicht darin kochen, hast Leder und keinen Leisten dazu, machst so herrliche Beutel und hast kein Geld!” „Höre Gesell”, antwortete ich dem Spötter, „du bist ein elender Schütz, triffst mit deinen Pfeilen nicht ans Ziel. Es sind mehr Dinge in der Welt, die zusammengehören und die man nicht beieinander findet; hat mancher einen Stall und kein Pferd hineinzuziehen, oder eine Scheuer und keine Garben auszudreschen,einen Brotschrank und kein Brot, oder einen Keller und keinen Haustrunk, und so sagt auch das Sprichwort: Einer hat den Beutel, der andere das Geld.” „Bessser ist doch beides zusammen”, versetzte er; „bist du gesonnen, bei mir in die Lehre zu treten, so will ich einen vollkommenen Meister aus dir machen, und weil du das Beutelmachen so wohl verstehst, will ich dich auch lehren, den Beutel zu füllen; denn ich bin ein Geldmacher meines Handwerks; da nun beide Professionen in die Hand arbeiten, ist’s billig, ßas die Kunstverwandten gemeine Sache machen.” „Wohl”, sprach ich, „seid ihr ein zünstiger Meister in irgend einer Münzstadt, so mag’s drum sein; aber münzt ihr auf eigene Rechnung, so ist’s halsbrechende Arbeit, die mit dem Galgen lohnt, dann scheide ich davon.” „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt,” sprach er, „und wer bei der Schüssel sitzt und nicht zulangt, der mag darben. Am Ende läust’s auf eins hinaus, ob du erstickst oder verhungerst, einmal muß es doch gestorben sein.” „Nur mit dem Unterschied,” fiel ich ihm ein, „ob einer als ehrlicher Mann stirbt oder als ein Übeltäter.” „Vorurteil”, rief er, „was kann das für eine Übeltat sein, wenn einer ein Stück Metall rundet? Der Jude
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Ephraim*) hat dessen von dem nämlichen Schrot und Korn als das unsere genug gerundet; was denn einen recht ist, das ist dem andern billig.”
Kurz, deer Mann hatte eine Gabe zu überreden, daß ich mir seinen Vorschlag gefallen ließ. Ich fand mich bald in das unehrliche Handwerk, war eingedenk der väterlichen Lehre, mein Geschäft mit Ernst zu treiben, und erfuhr, daß die Geldmacherkunst besser und gemächlicher nähre als die Beutlerprofession. Aber im besten Fortgang unserer Fabrik wachte der Handwerksneid auf; der Jude Ephraim erregte eine schwere Verfolgung gegen seinen Aftergenossen; der Verräter schlief nicht, wir wurden entdeckt, und der kleine Umstand, daß wir nicht zünftig waren wie Meister Ephraim, brachte uns auf den Festungsbau, laut Urteil und Recht auf Lebenszeit.
Hier lebt ich einige Jahre nach der Ragel der büßenden Brüder, bis ein guter Engel, der damals im Lande herumzog, um alle Gefangenen los und ledig zu machen, die knochenfest und rüstig waren, mir die Tür des Gefängnisses auftat. Es war ein Werbeofsizier, der mir, anstatt für den König zu karren, den edleren Beruf gab, für ihn zu fechten, und mich unter die Freiwilligen einreihte. Mit diesem Tausch war ich wohl zufrieden; ich nahm mir nun vor, ganz Soldat zu sein, zeichnete mich bei jeder Gelegenheit aus, war immer der erste beim Angriff, und wenn wir zurückwichen, war ich so gewandt, daß mich der Feind nie einholen konnte. Das Glück wollte mir wohl, schon führte ich eine Rotte Reiter an und hoffte bald höher zu steigen. Da ward ich einmal auf Fouragierung ausgeschickt und befolgte meinen Auftrag so streng und pünktlich, daß ich nicht nur Speicher und Scheuern, sondern auch Kisten und Kasten in Häusern und Kirchen rein ausfouragierte. Zum Unglück
*) Während des Siebenjährigen Krieges ließ Friedrich der Große durch den Juden Ephraim minderwertiges Silbergeld prägen, weil der Staatsschatz erschöpst (erschöpft) war.
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war’s in Freundesland; das gab großen Lärm, gehässige Leute nannten diese Expedition eine Plünderung, man machte mir als Marodeur den Prozeß, ich wurde degradiert, mußte durch eine Reihe von fünfhundert Mann die Gasse laufen und wurde eilends aus dem ehrsamen Stande herausgestäupt, in welchem ich mein Glück zu machen gedachte.
Jetzt wußte ich keinen andern Rat, als wieder zu meiner ersten Profession zu greifen; aber er fehlte mir en Barschaft, Leder einzukaufen, und an Lust zu arbeiten. Weil ich nun wegen des allzuwohlfeilen Verkaufs ein unstreitiges Recht auf meine ehemalige Ware zu haben vermeinte, so faßte ich den Anschlag, mich derselben mit guter Art wieder zu bemächtigen. Darum fing ich an, anderer Leute Taschen zu untersuchen, und hielt jeden Beutel, den ich witterte, für einen von meiner Arbeit, machte Jagd darauf, und alle, deren ich mich bemächtigen konnte, verurteilte ich alsbald als gute Prisen. Bei dieser Gelegenheit hatte ich die Freude, einen guten Teil meiner eigenen Münze wieder einzukassieren; denn ob sie gleich verrufen war, so kursierte sie nach wie vor in Handel und Wandel. Dies Gewerbe ging eine Zeitlang wohl von statten; ich besuchte unter mancherlei Gestalten, bald als Kavalier, bald als Handelsmann oder Jude, Messen und Märkte, hatte mich so gut in mein Fach einstudiert, meine Hand war so geübt und behend, daß sie nie einen Fehlgriff tat und mich reichlich nährte. Diese Lebensart behagte mir so trefflich, daß ich beschloß, dabei zu verharren; doch der Eigensinn meines Geschicks gestattete mir nie, das zu sein, was ich wollte. Ich bezog den Jahrmarkt zu Liegnitz und hatte da den Beutel eines reichen Pächters aufs Korn genommen, der vom Gelde strotzte. Durch die Unbehilflichkeit des schweren Säckels mißriet der Kunstgriff meiner Hand, ich wurde auf der Tat ergriffen und unter der gehässigen
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Anklage als ein Beutelschneider vor Gericht gestellt, ob ich schon diesen Namen nicht in einer unehrlichen Bedeutung verdiente. Ich hatte zwar ehedem Beutel genug zugeschnitten; aber nie hatte ich einem Menschen den Geldbeutel abgeschnitten, wie man mich doch beschuldigte, sondern alle, die ich erbeutet hatte, waren mir gleichsam freiwillig in die Hände gelaufen, als wenn sie zu ihrem ersten Eigentümer zurückkehren wollten. Diese Ausreden halfen nichts, ich wurde in den Stock gelegt, und mein Unstern wollte, daß ich abermals nach Urteil und Recht aus meinem Nahrungsstande hinausgestäupt werden sollte. Dieser lästigen Förmlichkeit kam ich zuvor, ersah meine Gelegenheit und strich mich in der Stille aus dem Gefängnis.
Ich war unentschlossen, was ich nun anheben und treiben sollte, um nicht zu hungern; auch der Versuch, ein Bettler zu werden, mißriet. Die Polizei in Großglogau nahm mich in Anspruch, wollte mich wider Willen und Dank verpflegen und mit Gewalt in einen Beruf hineinzwängen, der mir widerstand. Mit Mühe und Not entkam ich dieser strengen Gerichtsbarkeit; ich mied darum die Städte und trieb mich auf dem Lande herum. Hier traf sich’s daß die Gräfin gerade durch den Flecken reiste, wo ich meinen Aufenthalt halte; es war etwas an ihrem Wagen zerbrochen, das wieder ausgebessert werden mußte, und unter mehreren müßigen Leuten, welche die Neugierde trieb, nach der fremden Herrschaft zu gaffen, trat ich auch mit unter den Haufen und machte Bekanntschaft mit dem Bedienten, der dumm wie ein Schaf, mir in der Einfalt seines Herzens anvertraute, daß ihm vor euch, Herr Rübezahl, gewaltig bange sei, weil wegen der Verzögerung die Reise nun in der Nacht durchs Gebirge gehen würde. Das brachte mich auf den Einfall, die Zaghaftigkeit der Reisegesellschaft zu nutzen und in der Geisterwelt meine Talente zu versuchen. Ich schlich mich seitab in die Wohnung meines Patrons und Pflegers, des Dorfküsters, der eben
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abwesend war, und bemächtigte mich seiner Amtskleidung, eines schwarzen Mantels; zugleich bemerkte ich einen Kürbis, der zum Aufputz des Kleiderschrankes diente. Mit dieser Zurüstung und einem handfesten Knittel versehen, begab ich mich in den Wald und staffierte da meine Maske aus. Welchen Gebrauch ich davon gemacht habe, ist euch genugsam bekannt, und daß ich ohne eure Dazwischenkunft meinen Meisterstreich glücklich ausgeführt hätte, ist außer Zweifel; mein Spiel war bereits gewonnen. Nachdem ich mich der beiden feigen Kerle entledigt hatte, war meine Absicht, den Wagen tief in den Wald hineinzuführen und, ohne den Damen das geringste zuleide zu tun, nur einen kleinen Trödelmarkt zu eröffnen und den schwarzen Mantel, der in Absicht seiner mir geleisteten Dienste von keinem geringen Wert war, gegen ihre Barschaft und Geschmeide zu vertauschen, ihnen eine glückilche Reise anzuwünschen und mich bestens zu empfehlen.
Aufrichtig gesprochen, Herr, von euch fürchtete ich am wenigsten, daß ihr mir den Markt verderben würdet. Die Welt ist so ungläubig, daß man nicht einmal die Kinder mit euch fürchten machen kann, und wenn nicht etwa noch hier und da ein Tropf, wie der Bediente der Gräfin, oder ein Weib hinter dem Rocken eurer zuweilen erwähnte, so hätte euch die Welt längst vergessen. Ich dachte, wer Rübezahl sein wollte, der dürft’ es; bin nun eines anderen belehrt und befinde mich in eurer Gewalt, habe mich auf Gnade und Ungnade ergeben und hoffe, daß meine offenherzige Erzählung euren Unwillen mildern werde. Euch wär’s ein kleines, einen ehrlichen Kerl aus mir zu machen, wenn ihr mich mit einem guten Zehrpfennig aus eurer Braupfanne entließet, oder mir, so wie jenem hungrigen Passagier, ein Schock Heckschlehen von eurem Zaune pflücktet, der sich auf eurem Obst zwar einen Zahn ausbiß, aber die Schlehen hernach in eitel goldene Knöpfe verwandelt fand;
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oder wenn ihr von den acht goldenen Kegeln, die euch noch übrig sind, mir einen verehrtet, davon ihr den neunten weiland einem Prager Studenten schenktet, der mit euch boßelte; oder den Milchkrug, dessen geronnene Milch sich in Goldkäse verwandelte; oder wenn ich straffällig bin, mich so wie jenen wandernden Schuster schulmeisterhaft mit der goldenen Rute strichet und mir solche hernach zum Andenken verehrtet, wie die Handwerker auf ihren Gelagen und Herbergen von euch zu erzählen wissen, so wär mein Glück mit einemmale gemacht. Wahrlich, Herr! wenn ihr die Bedürfnisse der Menschen fühltet, so würdet ihr ermessen, daß es schwer hält, ein Biedermann zu sein, wenn man an allem Mangel leidet; denn wenn man zum Beispiel Hunger fühlt und kein Scherflein im Beutel hat, so ist es eine Heldentugend, eine Semmel nicht zu stehlen von dem Brotvorrat, den ein reicher Krösus in seinem Laden zur Schau ausgestellt hat. Das Sprichwort sagt: „Not hat kein Gebot.”
„Geh, Schurke”, sprach der Gnome, nachdem der Krauskopf ausgeredet hatte, „so weit dich deine Füße tragen, und ersteige den Gipfel deines Glückes am Galgen!” Hierauf verabschiedete er seinen Arrestanten mit einem kräftigen Fußtritte, und dieser war froh, daß er mit so gelinder Strafe davonkam und pries seine Mundfertigkeit, die ihn seiner Meinung nach diesmal aus einer sehr kritschen Lage gezogen hatte. Er sputete sich fleißig, dem gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen, und ließ aus Eilfertigkeit den schwarzen Mantel zurück. So sehr er aber eilte, so schien es doch nicht, als wenn er von der Stelle käme; er sah immer die nämlichen Gegenden und Berge vor sich, ob er gleich die Burg, in welcher er ein Gefangener gewesen war, aus dem Gesichte verloren hatte. Abgemattet von diesem endlosen Kreislauf, streckte er sich unter einem Baum im Schatten, ein wenig auszuruhen und
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auf irgend einen Wanderer zu lauern, der ihm zum Wegweiser dienen könnte. Darüber fiel er in einen festen Schlaf und als er erwachte, war um ihn her dicke Finsternis; er wußte gar wohl, daß er unter einem Baume eingeschlafen war, gleichwohl hörte er kein Säuseln des Windes in den Ästen, sah auch keinen Stern durch das Laub schimmern, noch die geringste Nachthellung. Im ersten Schrecken wollte er aufspringen, da hielt ihn eine unbekannte Kraft zurück und die Bewegung, die er machte, gab ein lautes widerhallendes Geräusch wie das Geklirr von Ketten; nun wurde er gewahr, daß er in Fesseln lag, und vermeinte viele hundert Klafter unter der Erde wieder in Rübezahls Gewahrsam zu sein, worüber ihn große Furcht und Entsetzen kam.
Nach einigen Stunden begann es um ihn her zu tagen, doch fiel das Licht nur kärglich durch das Gitter eines Fensters zwischen den Mauern herein. Ohne zu wissen, wo er sich eigentlich befand, kam ihm der Kerker doch nicht ganz fremd vor; er hoffte auf den Gefangenenwärter, wiewohl vergebens. Es verlief eine lange Stunde nach der andern, Hunger und Durst peinigten den Verhafteten, er fing an Lärm zu machen rasselte mit den Ketten, pochte an die Wand, rief ängstlich um Hilfe und vernahm Menschenstimmen in der Nähe; aber niemand wollte die Tür des Gefängnisses austun. Endlich waffnete sich der Kerkermeister mit einem Gespenstersegen, öffnete die Tür, schlug ein großes Kreuz vor sich und fing an den Teufel zu beschwören, der seiner Einbildung nach in dem ledigen Kerker tobte. Doch da er die Spukerei näher betrachtete, erkannte er seinen entwichenen Gefangenen, den Beutelschneider, und dieser den Kerkermeister in Liegnitz. Jetzt wurde er inne, daß ihn Rübezahl wieder ins Loch zurückspediert hatte. „Sieh da, Krauskopf!” redete ihn der Gerichtsfrohn an, „bist du wieder in deinen Käfig gehüpft? Woher des Landes?” „Immer da zum Tor herein,”
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antwortete Kunz, „bin des Herumlaufens müde, hab’ mich, wie ihr seht, in Ruhe gesetzt und mein altes Quartier wieder aufgesucht, falls ihr mich beherbergen wollt.” Obgleich niemand begreifen konnte, wie der Gefangene wieder in den Turm gekommen sei und wer ihm die Fesseln angelegt habe, so behauptete Kunz, der sein Abenteuer nicht wollte kund werden lassen, dennoch dreist, er habe sich freiwillig wieder eingefunden, ihm sei die Gabe verliehen, nach Gefallen durch verschlossene Türen aus-und einzugehen, die Fesseln anzulegen und sich derselben, wenn er wolle, wieder zu entledigen; denn ihm sei kein Schloß zu fest. Durch diesen scheinbaren Gehorsam bewogen, verschonten ihn die Richter mit der verwirkten Strafe und legten ihm nur auf, so lange für den König zu karren, bis er sich nach Gefallen der Fesseln entledigen würde. Man hat aber nichts vernommen, daß er von dieser Verwilligung jemals Gebrauch gemacht hätte.
Die Gräfin Cäcilie war indessen mit ihrer Begleitung glücklich und wohlbehalten in Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war, den Badearzt zu sich zu berufen und ihn wie gewöhnlich über ihren Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu befragen. Trat herein der weiland hochberühmte Arzt Doktor Springsfeld aus Merseburg, der die goldene Quelle des Karlsbades nicht mit dem paradiesischen Fluß Pison würde vertauscht haben. „Seien Sie uns willkommen, lieber Doktor”, riefen Mama und die holden Fräuleins ihm traulich und freundlich entgegen. „Sie sind uns zuvor gekommen”, fügte erstere hinzu, „wir vermuteten Sie noch bei dem Herrn von Riesental; aber, loser Mann, warum haben Sie uns dort verschwiegen, daß Sie der Badearzt sind?” Der Arzt stutzte, sann lange hin und her und erinnerte sich nicht, die Damen irgendwo gesehen zu haben. „Ihro Gnaden verwechseln ohne Zweifel mich mit einem andern, “ sprach er, „ich habe vordem nicht die
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Ehre gehabt, Ihnen persönlich bekannt zu sein; der Herr von Riesental gehört auch nicht zu meiner Bekanntschaft, und während der Kurzeit pfleg ich mich nie von hier zu entfernen.” Die Gräfin konnte keinen andern Grund von diesem strengen Inkognito, das der Arzt so ernsthaft behauptete, sich angeben, als daß er ganz gegen die Denkungsart seiner Kollegen für seine geleisteten Dienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte lächelnd: „Ich verstehe Sie, lieber Doktor; Ihr Zartsinn geht aber zu weit, er soll mich nicht abhalten, mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für Ihren guten Beistand dankbar zu sein.” Sie nötigte ihm darauf eine goldene Dose mit Gewalt auf, die der Arzt jedoch nur als Vorausbezahlung annahm, und, um die Dame als eine gute Kundin nicht unwillig zu machen, ihr nicht weiter widersprach. Er erklärte sich übrigens das Rätsel ganz leicht durch die medizinische Voraussetzung, daß die ganze gräfliche Familie von einer Art Grübelkrankheit befallen sei, wobei seltsame und unbegreifliche Wirkungen der Einbildungskraft nichts Ungewöhnliches sind, und verordnete beschwichtigende Arzneien.
Doktor Springsfeld war keiner der unbehilflichen Ärzte, die außer der Gabe, ihre Pillen und Mittelchen anzupreisen, keine andere besitzen, sich ihren Patienten lieb und angenehm zu machen; er wußte seine Kunden mit artigen Geschichtchen, Stadtneuigkeiten und kleinen Anekdoten wohl zu unterhalten und ihre Lebensgeister dadurch aufzumuntern. Da er nach dem Besuch der Gräfin seine medizinische Runde ging, gab er die sonderbare Unterredung mit der neuen Kundschaft in jedem Besuchszimmer zum besten, ließ bei der oftmaligen Wiederholung die Sache unbemerkt wachsen und kündigte die Dame bald als eine Kranke, bald als Hellseherin an. Man war begierig, eine so außerordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Gräfin Cäcilie wurde in Karlsbad das Märchen des Tages. Alles drängte
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sich zu ihr, da sie mit ihren schönen Töchtern zum erstenmal in der Gesellschaft erschien. Es war ihr und den Fräuleins ein höchst überraschender Anblick, die ganze Versammlung hier anzutreffen, in welche sie vor einigen Tagen in dem Schlosse des Herrn von Riesental waren eingeführt worden. Der bebänderte Graf, der dicke Domherr, der gelähmte Finanzrat fielen ihnen gleich zuerst in die Augen. Sie waren des steifen Zeremoniells überhoben, gegen Unbekannte sich zu beknicksen; es war für sie kein fremdes Gesicht im Saale. Mit freimütiger Unbefangenheit wendete sich die gesprächige Dame bald zu dem, bald zu jenem von der Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namen und Charakter, sprach viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf die bei diesem gastfreien Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungen und wußte sich nicht zu erklären, wohin das fremde und kalte Betragen aller der Herren und Damen deuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaft und Vertraulichkeit gegen sie geäußert hatten.
Alle diese Reden bewiesen nach der Meinung der Badegesellschaft so sehr eine überspannte Phantasie, daß sie samt und sonders die Gräfin bemitleideten, die nach dem Urteil aller Anwesenden eine sehr vernünftige Frau schien und in ihren Reden und dem Gange der Gedanken nichts Ausschweifendes verriet, wenn ihre Phantasie nicht den Weg über das Riesengebirge nahm. Die Gräfin ihrerseits erriet aus den bedeutsamen Gesichtszügen, Winken und Blicken der um sie her Versammelten, daß man sie schief beurteile und daß man wähne, ihre Krankheit habe sich aus den Gliedern ins Hirn versetzt. Sie glaubte, die beste Widerlegung dieses kränkenden Vorurteils sei die aufrichtige Erzählung ihres Abenteuers auf der schlesischen Grenze, man lauschte ihren Worten mit der Aufmerksamkeit, mit der man ein Märchen anhört, das auf einige Augenblicke angenehm unterhält, davon man aber kein Wort glaubt. Sie hatte das Schicksal der Seherin Kassandra, welcher Apoll die Gabe der Wahrsagung verliehen,
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aber den Aussprüchen seiner spröden Priesterin die Glaubwürdigkeit entzogen hatte. „Wunderbar!” riefen alle Zuhörer aus einem Munde und sahen bedeutsam den Doktor Springsfeld an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte, die Patientin nicht eher aus seiner Pflege zu entlassen, bis das mineralische Wasser das abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Phantasie rein würde weggespült haben. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und die Kranke davon erwartet hatten. Da die Gräfin sah, daß ihre Geschichte bei den Karlsbadern wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden Menschenverstand verdächtig machte, redete sie nicht mehr davon, und Doktor Springsfeld unterließ nicht, dieses Schweigen den Heilkräften des Bades zuzuschreiben. Nachdem die Badekur beendigt war, die schönen Fräuleins sich genug hatten bewundern lassen und sich satt und müde gewalzt hatten, kehrten Mutter und Töchter nach Breslau zurück. Sie nahmen mit gutem Vorbedacht den Weg wieder durchs Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten Wort zu halten, bei der Rückreise bei ihm vorzusprechen; denn von ihm hoffte die Gräfin Auflösung des ihr unbegreiflichen Rätsels, wie sie zur Bekanntschaft der Badegesellschaft gelangt sei, die sich so wildfremd gegen sie gebärdete. Aber niemand wußte den Weg nach dem Schlosse des Herrn von Riesental nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen, dessen Name sogar weder diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt war. Dadurch wurde die verwunderte Dame endlich überzeugt, daß der Unbekannte, der sie in Schutz genommen und beherbergt hatte, kein anderer gewesen sei als Rübezahl, der Berggeist. Sie gestand, daß er das Gastrecht auf eine edelmütige Art an ihr ausgeübt hätte, verzieh ihm seine Nackerei mit der Badegesellschaft und glaubte nun von ganzem Herzen an die Existenz der Geister, ob sie gleich um der Spötter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbar werden zu lassen. Seit diesem Begebnis hat Rübezahl nichts mehr von sich hören lassen.
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