Rübezahl Part 1
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Rübezahl
Märchen von
Rübezahl
Von J. R. U. Musäus.
Für die Jugend durchgesehen.
Bilder von Wilhelm
Stumpf.
Verlag E. Rister
Nürmberg
Text durchgesehen von Dr. Hans Heller. Gedruckt bei C. Rister in Nürnberg.
Nürnberger
Jugendbücher
Wie Rübezahl zu seinem
Namen gekommen ift.
Auf dem Riesengebirge haust der Berggeist Rübezahl. Dieser Fürst der Gnomen besitzt zwar auf der Oberfläche der Erde nur ein fleines Gebiet von wenig Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen umschlossen, und teilt dies Eigentum noch mit zwei mächtigen Monarchen, die seine Mitherrschaft nicht einmal anerkennen. Aber wenige Klafter unter der urbaren Erdrinde hebt seine Ulleinherrschaft an und erstreckt fich auf 860 Meilen in die Tiefe, bis zum Mittelpunkt der Erde. Zuweilen gefällt es ihm, seine weitgedehnten Provinzen in dem Abgrunde zu durchkreuzen, die unerschöpflichen Schatzkammern edler Fälle und Flötze zu beschauen, die Knappschaft der Gnomen zu mustern und in Urbeit zu setzen, teils um die Gewalt der Feuerströme im Eingeweide der Erde durch feste Dämme auszuhalten, teils mineralische Dämpfe und taubes Gestein in edles Erz zu verwandeln. Zuweilen entschlägt er sich aller unterirdischen Regierundssorgen, erhebt sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines Gebietes und hat sein Wesen auf dem Riesengebirge, treibt da Spiel und Spott mit den Menschen 6 -kindern, wie ein froher übermütler, der, um einmal zu lachen, seinen Nachbar zu Tode kitzelt. Denn Rübezahl, müßt ihr wissen, ift ein gar launischer Gesell: ungestüm, sonderbar, roh, unbescheiden, stolz, eitel, wankelmittig, heute der wärmste Fruend, morgen fremd und kalt; zu Zeiten gutmütig, edel und empfindsam; aber mit sich selbst in stetem Widerspruch; albern und weise, oft hart und weich in zwei Augenblicken, wie ein Ei, das in siedendes Wasser fällt; schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam; nach der Stimmung, wie ihn Laune und innerer Drang beim Anblick jedes Ding ergreifen läßt. Von uralter Zeit her, ehe noch die Menschen so weit nordwärts gedrungen waren, daß sie diese Gegenden wirtbar machten, toste Rübezahl schon in dem wilden Gebirge, hetzte Bären und Auerochsen aneinander, daß sie zusammen kämpften, oder scheuchte mit grausendem Getöse das scheue Wild vor sich her und stürzte es von den steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden müde, zog er wieder seine heerstraße durch die Regionen der Unterwelt und weilte da Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu legen und des Anblicks der äußeren Schöpfung zu erfreuen. Wie nahms ihn wunder, als er einst bei seiner Rückkehr von dem beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die Gegend ganz verändert fand. Die düstern, undurchdringlichen Wälder waren ausgehauen und in fruchtbares Ackerfeld verwandelt, wo reiche Ernten reiften. Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten die Strohdächer geselliger Dörfer hervor, aus deren Schlot friedlicher Hausrauch in die Luft wirbelte; hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhang eines Berges zu Schutz und Schirm des Landes; in den blumenreichen Auen weideten Schafe und Hornvieh, und aus den lichten Hainen tönten melodische Schalmeien. 7 Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeit des ersten Anblicks ergötzen den verwunderten Landesherrn so sehr, daß er über die eigenmächtigen Pflanzer, die ohne seine Bergünstigung hier wirtschafteten, nicht unwillig ward, noch in ihrem Tun und Wesen sie zu stören begehrte; sondern sie so ruhig im Besitz ihres angemaßten Eigentums ließ, wie ein gutmütiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder selbst dem überlästigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet. Sogar ward er Sinnes, mit den Menichen, dieser Zwittergattung von Geist und Tier, Bekanntschaft zu machen, inhre Art und Natur zu erforschen und mit ihnen Umgang zu pflegen. Er nahm die gestalt eines rüstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten besten Landwirt in Arbeit. Alles, was er unternahm, gedieh wohl unter seiner Hand, und Rips, der Ackerknecht, war für den besten Arbeiter im Dorfe bekannt. Uber sein Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der den Erwerb des treuen Knechtes verschwendete und ihm für seine Mühe und Arbeit wenig Dank wußte; darum schied Rübezahl von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine Schafherde untergab; er wartete diese fleißig, trieb sie in Einöden und auf fteile Berge, wo gesunde Kräuter wuchsen. Die Herde gedieh gleichfalls unter seiner Hand und mehrte sich, kein Schaf stürzte vom Felsen herab und brach sich das Genick, und keins zerriß der Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht nicht lohnte, wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Herde und kürzeste dafür den Hirtenlohn, darum entlief Rübezahl dem Geizhals und diente dem Richter als Herrenknecht, ward die Geißel der Diebe und frönte der Justiz mit strengem Eifer. Aber der Richter war ein ungerechter Mann, beugte das Recht, richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rübezahl nun nicht das Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, sagte er dem Richter den 8 Dienst auf und ward in den Kerker geworfen, aus dem er jedoch auf dem gewöhnlichen Wege der Geister, durchs Schlüsselloch, leicht einen Ausgang fand. Dieser erste Bersuch, das Studium der Menschenkunde zu treiben, konnte ihn unmöglich zur Menschenliebe erwärmen; er kehrte mit Berdruß auf seine Felsenzinne zurück, überschaute von da die lachenden Gefilde, welche die menschliche Arbeit verschönert hatte und wunderte sich, daß die Mutter Natur ihre Spenden an solche unwürdigen Geschöpfe verlieh. Demungeachtet wagte er noch eine Ausflucht ins Land fürs Studium der Menschheit, schlich unsichtbar ins Tal und lauschte in Busch und Hecken. Da stand vor ihm die Gestalt eines reizvollen Mädchens; sie stieg eben ins Bad. Rings um sie hatten sich ihre Gespielinnen ins Gras gelagert an einem Wasserfall, der feine Silberflut in ein kunstloses Becken goß, scherzten und kosten mit ihrer Gebieterin in unschuldsvoller Fröhlichkeit. Dieser Anblick wirkte so wundersam auf den lauschenden Berggeist, daß er schier seiner geistigen Natur und Eigenschaft vergaß, sich das Los der Sterblichkeit wünschte und mit Wohlgefallen nach den Töchtern der Menschen sah. Aber die Organe der Geister sind so fein, daß sie keinen festen und bleibenden Einbruch annehmen; der Gnome fand, daß es ihm am Körper gebrach, das Bild der badenden Schönen durch die verfinsterte Kammer des Auges aufzussen und in seinem Geiste festzuhalten. Deshalb verwandelte er sich in einen schwarzen Kolkraben und schwang sich auf einen hohen Eschenbaum, der das Bad überschattete, des anmutvollen Schauspiels zu genießen. Doch dieser Plan war nicht zum besten ausgedacht: er sah alles mit Rabenaugen und empfand als Rabe; ein Nest Waldmäuse hatte jetzt für ihn mehr Anziehendes als das Mädchen: denn die Seele wirkt in ihrem Denken und Wollen nie anders, als in Gemäßheit des Körpers, der sie umgibt. 9 Diese Bemerkung war nicht sobald gemacht, als der Fehler auch verbessert war; der Rabe flog ins Gebüsch und gestaltete sich in einen blühenden Jüngling um. Das war der rechte Weg. Das schöne Mädchen war die Tochter des Fürsten von Schlesien, der in der Gegend des Riesengebirges damals herrschte; sie pflegte oft mit den Jungfrauen ihres Hoses in den Hainen und Büschen des Gebirges zu lustwandeln, Blumen und Wohlgeruch duftende Kräuter zu sammeln, oder für die Tafel ihres Vaters ein Körbchen Waldkirchen oder Erdbeeren zu pflücken, und wenn der Tag heiß war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu baden. Von diesem Augenblick an bannte die Liebe durch ihren süßen Zauber den Berggeist an diesen Platz, den er nicht mehr verließ, und täglich der Wiederkehr der reizenden Badegesellschaft mit Ungeduld entgegenharrte. Die Pringzessin zögerte lange; doch in der Mittagssstunde eines schwülen Sommertages besuchte sie wieder mit ihrem Gefolge die kühlen Schatten am Wasserfalle. Ihre Berwunderungnging über alles, da sie den Ort ganz verändert fand: die rohen Felsen waren mit Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser stürzte nicht mehr in einem wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele Abstufungen gebrochen, mit sanftem Gemurmel in ein weites Marmorbeden herunter, aus dessen Mitte ein rascher Wasserstrahl emporstrebte und, in einen dichten Platzregen verwandelt, den ein laues Lüftchen bald auf diese, bald auf jene Seite warf, in den Wasserbehälter zurückplätscherte. Maßliebchen, Zeitlosen und das romantische Blümlein Vergißmeinnicht blühten an dessen Rande, Rosenhecken mit wildem Jasmin und Silberblüten vermengt, zogen sich in einiger Entsernung umher und bildeten so das angenehmste Luststück. Rechts und links des Wasserfalls öffnete sich der doppelte Eingang einer prächtigen 10 Grotte, deren Wände und Bogengewölbe mit bunter Bekleidung prangten von farbigen Erzstusen, Bergkristall und Frauenglas; alles funkelnd und flimmern, daß der Abglanz davon das Auge blendete. In verschiedenen Nischen waren die niedlichsten Erfrischungen aufgetischt, deren Anblick zum Genuß einlud. Die Pringzessin stand lange in stummer Berwungderung da, wußte nicht, ob sie ihren Augen trauen, diesen bezauberten Ort betreten oder fliehen sollte. Aber sie war Mutter Evas Tochter, und konnte der Begierde nicht widerstehen, alles zu beschuen und von den herrlichen Früchten zu kosten, die für sie aufgetragen zu sein schienen. Nachdem sie nebst ihrem Gefolge in diesem kleinen Paradiese sich sattsam erlustigt und alles fleißig durchgemustert hatte, lüstete ihr in dem Bassin zu baden. Sie befahl den Gespielinnen Wacht zu halten und umherschauen, damit kein Blick irgend eines Lauscheres im Gebüsch ihre jungfräuliche Verschämtheit entweihen möchte. Kaum war das liebliche Mädchen über den glatten Rand des Mormorbeckens hinabgeschlüpft, so sank sie in eine endlose Tiefe, obgleich der betrügliche Silberkies, der aus dem seichten Grunde hervorschien, keine Gefahr vermuten ließ. Schneller als die herzueilenden Jungfrauen das goldgelbe Haar der blonden Gebieterin erfassen konnten, hatte die gefräßige Flut sie verschlungen. Laut ließ die bange Schar der erschrockenen Mädchen Klage, Ach und Weh erschallen, als ihr Fräulein vor ihren sichtlichen Augen dahinschwand; sie rangen und wanden die schneeweißen Hände, flehten die Najaden vergebens um Erbarmen an und liefen ängstlich am marmornen Gestade hin und weider, indes das Springwasser recht geflissentlich sie mit einem Platzregen nach dem andern übergoß. Doch wagte es keine, der Entschwommenen nachzuspringen, außer Brinhild, ihre liebste Gespielin, die nicht säumte, 11 In den bodenlosen Wirbelstrom sich zu stürzen, gleiches Schicksal mit ihrem geliebten Fräulein erwartend. Aber sie schwamm als ein leichter Kork auf dem Wasser, und vermochte, aller Bemühungen ungeachtet, nicht unterzutauchen. Hier war kein anderer Rat, als dem Könige die traurige Begebenheit mit seiner Tochter zu hinterbringen. Wehklagend begegneten ihm die zagenden Mädchen, da er eben mit seinen Jägern zu Walde zog. Der König zerriß sein Kleid vor Betrübnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verhüllte sein Angesicht mit dem Purpurmantel, weinte und stöhnte laut über den Berlust der schönen Emma. Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tränenzoll entrichtet hatte, stärkte er seinen Mut und eilte, das Abenteuer am Wasserfall selbst zu beschauen. Aber der angenehme Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da in ihrer vorigen Wildheit, da war keine Grotte, kein Marmorbad, kein Rosengehege, keine Jasminlaube. Der gute König brauchte zum Glück nichts von einer Entführung seiner Tochter durch irgend einen irrenden Ritter zu besürchten, denn Entführungen waren damals noch nicht Sitte im Lande; also erpreßte er von den Mädchen weder durch Drohungen noch Folter ein Geständnis von dem plötzlichen Berschwinden der Prinzessin, das glaubwürdiger gewesen wäre als die Wahrheit. Bielmehr nahm er ihren Bericht auf Treu und Glauben an und meinte, Thor oder Wodan, oder sonst einer der Götter sei bei dieser wunderbaren Begebenheit mit im Spiel gewesen, und tröstete sich im Laufe der Zeit über seinen Berlust. Unterdessen befand sich die liebreizende Emma im Reiche Rübezahls nicht übel. Meister Schwimmart hatte sie durch das Gaukelspiel nur den Augen ihres Gefolges entzogen und führte sie durch einen unterirdischen Weg in einen prächtigen Palaft, mit welchem 12 die vaterliche Residenz in keine Bergleichung kam. Als sich die Lebensgeister der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem gemächlichen Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbenem Atlas und einem jungfräulichen Gürtel von himmelblauer Seide. Ein junger Mann lag zu ihren Füßen und tat ihr mit dem wärmsten Gefühl das Geständnis seiner Liebe kund, welches sie mit schamhaftem Erröten annahm. Der entzückte Gnome unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den unterirdischen Staaten, die er beherrschte, führte sie durch die Zimmer und Säle des Schlosses und zeigte ihr alle Pracht und allen Reichtum desselben. Ein herrlicher Lustgarten umgab das Schloß von drei Seiten, der mit seinen Blumenflücken und Rasenplätzen, auf deren grüner Fläche ein kühler Schatten lag, dem Fräulein vornehmlich zu behagen schien. Alle Obstbäume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur Hälfte übergoldete Äpfel, dergleichen keine Gartenkunst heutzutage der Natur anzulocken vermag. Das Gebüsch war mit Singvögeln angefüllt, die ihre hundertstimmigen Lieder ertönen ließen. In den traulichen Bogengängen lustwandelte das Paar. Rübezahls Blick hing an den Lippen der Prinzessin und sein Ohr trank gierig die sanften Töne aus ihrem Munde, jedes Wort ging ihm glatt ein wie Honigseim; in einem äonenlangen Leben hatte er dergleichen selige Stunden noch nie genossen. Nicht gleiches Wonnegefühl empfand die reizende Emma; ein gewisser Trübsinn hing über ihrer Stirn, und sanfte Schwermut, welche der weiblichen Gestalt so viel Zauberreiz mitteilt, offenbarte allgenugsam, daß geheime Wünsche in ihrem Herzen verborgen lagen, die nicht völlig mit den seinigen übereinstimmen. Er machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich durch tausend Liebkosungen diese Wolken zu zerstreuen und die Schöne 13 aufzuheitern; wiewohl vergebens. „Der Mensch", dachte er bei fich felbst, „ift ein geselliges Tier wie die Biene und die Ameise:der schönen Sterblichen gebricht's an Unterhaltung." Flugs ging er hinaus ins Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlich geslochtenen Deckelkorb und brachte diesen der schönen Emma, die melancholisch einsam in der beschatteten Laube eine Rose entblätterte. "Schönste der Erdentöchter", redete sie der Gnome an, „verbanne allen Trübsinn aus deiner Seele und öffne dein Herz der geselligen Freude; du sollst nicht mehr die Einsamtrauernde in meiner Wohnung sein. In diesem Korbe ist alles, was du bedarsst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen buntgeschälten Stab, und gib durch die Berührung mit demselben den Erdgewächsen im Korbe die Gestalten, welche dir gefallen." Hierauf verließ er die Prinzessin, und sie zögerte keinen Augenblick, mit dem Zauberstabe nach seiner Vorschrift zu verfahren, nachdem sie den Deckelkorb eröffnet hatte. „Brinhild", rief sie, „liebe Brinhild, erscheine!" Und Brinhild lag zu ihren Füßen, umfaßte die Kniee ihrer Gebieterin und benetzte ihren Schoß mit Freudenzähren, liebkoste sie freundlich, wie sie sonst zu tun pflegte. Die Täuschung war so vollkommen, daß Fräulein Emma selbst nicht wußte, wie sie mit ihrer Schöpfung dran war; ob sie die wahre Brinhild hergezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie überließ sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre liebste Gespielin um sich zu haben, luftwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten umher, ließ sie dessen herrliche Anlagen bewundern, und pflückte ihr goldgesprenkelte Üpfel von den Bäumen. Hierauf führte Sie ihre Freundin burch alle Zimmer im Palast bis in die Kleiderkammer, wo der weibliche Sinn so viel Nahrung fand, daß sie bis zu Sonnenuntergang 14 Darin verweilten. Alle Scheier, Gürtel, Ohrenspangen wurden gemustert und anprobiert. Brinhild wußte sich dabei so gut zu benehmen, zeigte so viel Geschmack in der Wahl und Anordnung des weiblichen Putzes, daß wenn sie ihrer Natur und ihrem Wesen nach nicht als eine Rübe war, ihr wenigstens niemand den Ruhm absprechen konnte, die Krone ihres Geschlechtes zu sein. Der Berggeist, welcher ungesehen die beiden beobachtete, war entzückt über den Tiefblick, den er in das weibliche Herz getan zu haben vermeinte, und freute sich über den guten Fortgang in der Menschenkunde. Die schöne Emma dünkte ihm jetzt schöner, freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ nicht, ihren ganzen Rübenvorrat mit dem Zauberstäbe zu beleben, gab ihnen die Gestalt der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei Rüben übrig waren, bildete sie die eine zu einem Seidenkätzchen um, und aus der andern schuf sie ein niedliches, hüpfendes Hündchen. Sie richtete nun ihren Hofstaat wieder ein, teilte einer jeden der aufwartenden Mädchen ein gewisses Geschäft zu, und nie wurde eine Herrschaft besser bedient! Das Gesinde kam ihren Wünschen zuvor, gehorchte auf den Wink und vollstreckte ihre Befehle ohne den mindesten Widerspruch Einige Wochen lang genoß sie die Wonne des gefellschaftlichen Lebens ungestört, Reihentänze, Sang und Saitenspiel wechselten im Palaste Rübezahls vom Morgen bis zum Abend, nur merkte das Fräulein nach Verlauf einiger Zeit, daß die frische Gesichtsfarbe ihrer Gesellschafterinnen etwas abbleichte, der Spiegel im Marmorsaal ließ sie zuerst bemerken, daß sie allein wie eine Rose aus der Knospe frisch hervorblühte, da die geliebte Brinhild und die anderen Jungfrauen welkenden Blumen glichen; gleichwohl versicherten sie alle, daß sie sich wohl befänden, und der freigebige Berggeist ließ sie an seiner Tafel auch keinen Mangel 15 leiden. Dennoch zehrten sie sichtbarlich ab, Leben und Tätigkeit schwand von Tag zu Tag mehr dahin und alles Jugendfeuer erlosch. Als die Prinzessin an einem heiteren Morgen, durch gesunden Schlaf gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück, da ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und Krücken hustend und keuchend entgegenkam, unvermögend, sich aufrecht zu erhalten. Das Hündchen hatte alle viere von sich gestreckt, und das schmeichelnde Kätzchen konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch regen und bewegen. Bestürzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den Söller des Portals und rief laut den Berggeist, welcher alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien. “Boshafter Geist”, redete sie ihn zornmütig an, “warum mißgönnst du mir die einzige Freude meines harmvollen Lebens, die Schattengesellichaft meiner ehemaligen Gespielinnen? Jst diese Einöde nicht genug, mich zu quälen, willst du sie noch in ein Spital verwandeln? Augenblicklich gib meinen Mädchen Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Haß und Verachtung sollen deinen Frevel rächen.” “Schönste der Erdentöchter”, entgegnete Rübezahl, “zürne nicht über die Gebühr, alles was in meiner Gewalt ift, steht in deiner Hand; aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. So lange Lebenskraft in den Rüben war, konnte der magische Stab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet, und ihr Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin; denn der belebende Geist ift verraucht. Jedoch das soll dich nicht kümmern, ein frischgefüllter Deckelkorb kann den Schaden leicht ersetzen, due wirst daraus alle die Gestalten wieder hervorrufen,” Wütig ballte der ergrimmte Erdgeist ein paar Wolten zujammen. (Wütig ballte der ergrimmle Erdgeist ein paar Wolten zujammen.) (S. 23) 16 die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke zurück, die dich so angenehm unterhalten haben, auf dem großen Rasenplatze im Garten wirst du bessere Gesellschaft finden.” Darauf entfernte er sich, und Fräulein Emma nahm ihren buntgeschälten Stab zur Hand, berührte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften Rüben zusammen, und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeugs müde sind, zu tun pflegen: sie warf den Plunder in den Kehricht und dachte nicht mehr daran. Leichtfüßig hüpfte sie nun über grünen Matten dahin, den frischgefüllten Deckelkorb in Empfang zu nehmen, den sie gleichwohl nirgends fand. Sie ging den Garten auf und nieder, schaute fleißig umher; aber es wollte kein Korb zum Vorschein kommen. Am Traubengeländer kam ihr der Gnome mit so sichtbarer Verlegenheit entgegen, daß sie seine Bestürzung schon von ferne wahrnahm. “Du hast mich getäuscht”, sprach sie, “wo ift der Deckelkorb geblieben? Ich such ihn schon seit einer Stunde vergebens.” “Holde Gebieterin meines Herzens”, antwortete der Geist, “wirst du mir meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr als ich geben konnte; ich habe das Land durchzogen, Rüben aufzusuchen, aber sie sind längst geerntet und welken in dumpfigen Kellern. Die Fluren trauern, unten im Tale ift’s Winter, nur deine Gegenwart hat den Frühling an diesen Felsen gefesselt, und unter deinem Fußtritt sprossen Blumen hervor. Harre nur drei Mondenwechsel in Geduld aus, dann soll dir’s nie an Gelegenheit gebrechen, mit demen Puppen zu spielen.” Ehe er noch mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm seine Schöne unwillig den Rücken zu und begab sich in ihr Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Er aber hob sich von dannen in die nächste Marktstadt innerhalb seines Gebietes und kaufte, als ein Pächter gestaltet, einen Esel, den er mit schweren 17 Säcken Sämerei belud, womit er einen ganzen Morgen Landes besäte. Dabei bestellte er einen seiner dienstbaren Geister zum Hüter, dem er aufgab, ein unterirdisches Feuer anzuschüren, um die Saat von unten herauf mit linder Wärme zu treiben, wie Ananaspflanzen in einem Treibhause. Die Rübensaat schoß lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche Ernte; Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, welches zu besehen sie mehr lüstete als die goldenen Üpfel, die aus dem Garten der Hesperiden in den ihrigen verpflanzt zu sein schienen. Aber Mißmut trübte ihre kornblumenfarbenen Augen, sie weilte am liebsten in einem düstern melancholischen Tannenwäldchen, am Rande eines Quellbaches, der sein silberhelles Gewässer ins Tal rauschen ließ, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund hinabflossen. Rübezabl sah wohl, daß bei dem sorgfältigsten Bestreben, durch tausend kleine Gefälligkeiten sich in der schönen Emma Herz zu stehlen, ihr keine Liebe abzugewinnen war. Demungeachtet ermüdete seine hartnäckige Geduld nicht, burch die pünktlichste Erfüllung ihrer Wünsche ihren spröden Sinn zu überwinden. Aber der Neuling in der Menschenkunde hatte keine Gedanken von der wahren Ursache dieser Widerspenstigkeit seiner Herzensgebieterin; er nahm an, daß ihr Herz so frei und unbefangen sei, als das seine; doch das war ein großer Irrtum. Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der Oder, Fürst Ratibor, hatte das Herz der holden Emma bereits gewonnen. Schon sah das glückliche Paar dem Tage der Vermählung entgegen, als die Braut mit einem Male verschwand. Diese schreckliche Nachricht verwandelte den liebenden Ratibor in einen rasenden Roland; er verließ seine Residenz, zog menschenscheu in einsamen Wäldern umher und klagte den Felsen sein Unglück. Die treue Rübezahl 2 18 Emma senfzte unterdessen ihren geheimen Gram in dem anmutigen Gefängnis aus, verschloß aber Herzgefühle so fest in ihrem Busenm daß der spähende Rübezahl nicht enträtseln konnte, was für Empfindungen sich varinnen regten. Lange schon hatte sie darauf gesonnen, wie sie ihn überlisten und der lästigen Gefangenschaft entrinnen möchte. Nach mancher durchwarchten Nacht sann sie endlich einen Plan aus, der des Versuchs würdig schien, ihn auszuführen. Der Lenz kehrte in die gebirgigen Täler zurück, Rübezahl ließ das unterirdische Feuer in seinem Treibhaus ausgehen, und die Rüben, die durch die Einflüsse des Winters in ihrem Wachstum nicht waren gehindert worden, gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem Anschein nach, sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter. Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie abzuschicken, Kundschaft von ihrem Geliebten einzuziehen: “Fliege, liebes Bienchen, gegen Aufgang”, sprach sie, “zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und sumse ihm sanft ums Ohr, daß Emma noch für ihn lebt, aber eine Sklavin ift des Fürsten der Gnomen, der das Gebirge bewohnt; verlier kein Wort von diesem Gruße und bring mir Botschaft von seiner Liebe.” Die Biene flog alsbald von dem Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren Flug begonnen, so stach eine gierige Schwalbe auf sue herab und verschlang zu großem Leidwesen des Fräuleins die Botschafterin der Liebe mit allen Depeschen. Darauf formte sie vermöge des wunderbaren Stabes eine Grille, lehrte sie gleichen Spruch und Gruß: “Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge, zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und zirpe ihm ins Ohr, daß die getreue Emma begehrt Erlösung aus ihren Banden durch 19 seinen starken Arm." Die Grille flog und hüpfte so schnell sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war; aber ein langbeiniger Storch stolzierte eben an dem Wege, auf dem die Zirpe einherzog, faßte sie mit feinem langen Schnabel und begrub sie in das Berlies seines weiten Kropfes. Diese mißlungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab, einen neuen zu wagen; sie gab der dritten Rübe die Gestalt einer Elster: „Schwanke hin, beredsamer Vogel", sprach fie, von Baum zu Baum, bis du gelangest zu Ratibor, meinem Berlobten, sag ihm meine Gefangenschaft an und gib ihm Bescheid, daß er meiner harre mit Roß und Mann, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges im Maientale, bereit, den Flüchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und Schutz von ihm begehrt." Die zwiefarbige Elster gehorchte, flatterte von einem Ruheplatze zum andern, und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, so weit das Auge trug. Der harmvolle Ratibor irrte noch immer melancholisch in den Wäldern umher, die Rückkehr des Lenzes und die wieder auflebende Natur hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er faß unter einer schattenreichen Eiche, dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: „Emma!" Alsbald gab das vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelhaft zurück; aber zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch auf, sah niemand, wähnte eine Täuschung und hörte den nämlichen Ruf wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin und wieder flog, und ward inne, daß der gelehrige Vogel ihn bei Namen rief. „Armer Schwätzer", sprach er, „wer hat dich gelehrt, diesen Namen auszusprechen, der einem Unglücklichen zugehört, welcher wünscht, von der Erde vertilgt zu sein wie sein Gedächtnis?" Hierauf faßte er wütend einen Stein und 2* 20 wollte iht nach dem Vogel schleudern, als diefer den Namen Emma hören ließ. Dieser Talisman entkräftete den Arm des Prinzen, frohes Entzücken durchschauerte alle seine Glieder und in seiner Seele bebte es leise nach: „Emma!" Aber der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem Elstergeschlecht eigenen Wohlredenheit den Spruch, der ihm gelehrt war. Fürst Ratibor vernahm nicht sobald diese fröhliche Botschaft, so wurde es hell in seiner Seele, der tödliche Gram, der die Sinne umnebelt und die Federkraft der Nerven erschlafft hatte, verschwand; er kam wieder zu Gefühl und Besinnung und forschte mit Fleiß von der Glücksverkünderin nach den Schicksalen der holden Emma, aber die gesprächige Elster konnte nichts als mechanisch ihre Lektion ohne Aufhören wiederholen und flatterte davon. Schnellfüßig eilte der Fürst zu seinem Hoflager zurück, rüstete eilig das Geschwader der Reisigen, saß auf und zog mit ihnen hin ans Vorgebirge seiner guten Hoffnung, das Abenteuer zu bestehen. Fräulein Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr Vorhaben auszuführen. sie ließ ab, den duldsamen Rübezabl mit tötendem Kaltsinn zu quälen, ihr Auge sprach Hoffnung und ihr spröder Sinn schien beugsamer zu werden. Den folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schöne Emma, geschmückt wie eine Braut, hervor, mit all dem Geschmeide belastet, das sie in ihrem Schmuckkästlein gefunden hatte. Ihr blondes Haar war in einen Knoten geschürzt, welchen eine Myrtenkrone überschattete; der Besatz ihres Kleides flinkerte von Juwelen, und da ihr der harrende Rübezahl auf der großen Terrasse im Lustgarten entgegenwandelte, bedeckte sie züchtiglich mit dem Ende ihres Schleiers ihr schamhaftes Angesicht. "Himmlisches Mädchen", stammelte er ihr entgegen, „laß mich die Seligkeit der Liebe aus deinen Augen trinken, und weigere mir nicht länger den bejahenden 21 Blick, der mich zum glücklichsten Wesen macht, das jemals die rote Morgensonne bestrahlt hat!" Hierauf wollte er ihr Antlitz enthüllen, um sein Glück aus ihren Augen zu lesen; denn er erdreistete sich nicht, ein mündliches Geständnis von ihr zu erpressen. Das Fräulein aber machte ihre Schleierwolke noch dichter um sich her und entgegnete gar bescheidentlich alfo: „Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, Gebieter meines Herzens? Deine Standhaftigkeit hat obgesiegt. Nimm dies Geständnis von meinen Lippen; aber laß diesen Schleier mein Erröten und meine Zähren verdecken." „Warum Zähren, o Geliebte?" fiel der beunruhigte Geist ein, „jede deiner Zähren fällt wie ein brennender Naphthatropfen mir aufs Herz, ich heische Lieb um Liebe und will nicht Aufopferung." „Ach!" erwiderte Emma, „warum mißdeutest du meine Tränen? mein Herz lohnt deine Zärtlichkeit, bange Ahnung zerreißt meine Seele: du alterst nimmer, aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran soll ich erkennen, daß du als mein Gemahl so zärtlich, liebevoll, gefällig und duldsam bleiben werdest, wie du es bisher warst?" Er antwortete: „Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und urteile daraus von der Stärke meiner unwandelbaren Liebe." „Es sei also!" beschloß die schlaue Emma, „ich heische nur einen Beweis deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben all auf dem Acker; mein Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, daß sie mir zu Kränzeljungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen und verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue prüfen will." So ungern sich Rübezahl in diesem Augenblicke von seiner reizenden Braut schied, so gehorchte er doch sonder Verzug, gab sich rasch an sein Geschäft und hüpfte hurtig 22 unter den Rüben herum. Er war durch diese Geschäftigkeit mit seinem Additionseyempel bald zustanbe; doch um der Sache recht gewiß zu sein, wiederholte er die Zählung nochmals, und fand zu seinem Zerdruß eine Abweichung in der Rechnung, welte ihn nötigte, zum drittenmal von vorn anzufangen. Aber auch diesmal fiel die Zählung anders aus, und das war eben nicht zu verwundern. Die verschmitzte Emma hatte ihren Erdgeist nicht sobald aus den Augen verloren, als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftvolle, wohlgenährte Rübe in Bereitschaft, welche sie flugs in ein mutiges Roß mit Sattel und Zeug verwandelte, rasch schwang sie sich in den Sattel, flog über die Heiden und Steppen des Gebirges dahin und der flüchtige Pegasus wiegte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften Rücken hinab ins Maiental, wo sie dem geliebten Ratibor, der der Kommenden ängstlich entgegenharrte, sich fröhlich in die Arme warf. Der geschäftige Rübezahl hatte sich unterdessen so in seine Zahlen vertieft, daß er von dem, was um und neben ihm geschah, nichts wußte. Nach langer Mühe und Anstrengung seiner Geisteskraft war's ihm endlich gelungen, die wahre Zahl aller Rüben auf dem Ackerfelde, klein und groß mit eingerechnet, gefunden zu haben. Er eilte nun frob zurück, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berechnen und durch die pünktliche Erfüllung ihrer Befehle sie zu überzeugen, daß er der gefälligste Gemahl sein werde. Mit Selbstzufriebenheit trat er auf den Rasenplatz; aber da fand er nicht, was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und Gänge; auch da war nicht, was er begehrte; er kam in den Palast, durchspähte alle Winkel desselben, rief den holden Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen zurücktönten, begehrte einen Laut von ihrem geliebten Munde; doch da war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat; 23 flugs warf er seine körperliche Gestalt ab, verwandelte sich in einen Geist, schwang sich hoch in die Luft und sah den geliebten Flüchtling in der Ferne, als eben der rasche Gaul über die Grenze fetzte. Wütig ballte der ergrimmte Erdgeist ein paar friedlich vorüberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen kräftigen Blitz der Fliehenden nach, der eine tausendjährige Grenzeiche zersplitterte; aber jenseits derselben war seine Rache unkräftig, und die Donnerwolke zerfloß in einen sanften Heiderauch. Nachdem er die oberen Luftregionen verzweiflungsvoll durchkreuzt, seine unglückliche Liebe den vier Winden geklagt und seine stürmende Leidenschaft ausgetobt hatte, kehrte er trübsinnig in den Palast zurück, schlich durch alle Gemächer und/uud erfüllte sie mit Seufzen und Stöhnen. Nachher besuchte er noch einmal den Lustgarten; doch diese ganze Zauberschöpfung hatte keinen Reiz mehr für ihn: ein einziger Fußstapfen der geliebten Ungetreuen in den Sand gebrückt, welchen er bemerkte, beschäftigte seine Aufmerksamkeit mehr als die goldenen Äpfel an den Bäumen und die buntfarbige Ausfüllung der Buchsbaumschnörkel auf den Blumenstücken. Die alte Sehnsucht erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging und stand, wo sie Blumen gepflückt oder ausgezupft, wo er sie oft unsichtbar belauscht, oft mit ihr trauliche Unterredung gepflogen hatte. Alles des würgte und knotete ihn so zusammen, preßte und drückte ihn dergestalt, daß er unter der Last der Gefühle in dumpfes Hinbrüten versank. Bald hernach brach sein Unmut in gräßliche Verwünschungen aus, und er vermaß sich höchlich, der Menschenkunde ganz zu entsagen, und von diesem argen betrüglichen Geschlechte fernerhin keine weitere Notiz zu nehmen. In dieser Entschließung stampfte er dreimal auf die Erde, und der ganze Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein urspringliches Nichts zurück. Der Abgrund 24 aber sperrte seinen weiten Rachen auf und Rübezahl fuhr hinab in die Tiefe bis an die entgegengesetzte Grenze seines Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde, und nahm Überdruß und Menschenhaß mit dahin. Während dieser Katastrophe im Gebirge war Fürst Ratibor geschäftig, die herrliche Beute in Sicherheit zu bringen. Er führte die schöne Emma im Triumph an den Hof ihres Vaters zurück, vollzog dafelbst seine Vermählung, teilte mit ihr den Thron seines Landes und erbaute die Stadt Ratibor, die noch seinen Namen trägt bis auf diesen Tag. Das sonderbare Abenteuer der Prinzessin, das ihr auf dem Riesengebirge begegnet war, ihre kühne Flucht und glückliche Entrinnung wurde das Märchen des Landes, pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Und die Inwohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten ihm einen Spottnamen auf, riefen ihn Rübenzähler oder kurzab Rübezahl.
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