Rübezahl Part 2
Rübezahl wird in Hirschberg gehängt.
Der unmutsvolle Gnome verließ grollend die Oberwelt mit dem Entschluß, nie wieder das Tageslicht zu schauen; doch die WohItätige Zeit verwischte nach und nach die Eindrücke seines Grams, gleichwohl war ein Zeitraum von 999 Jahren erforderlich, ehe die alte Wunde ausheilte. Endlich, da ihn die Beschwerde der Langeweile drückte und er einstmals sehr übel gelaunt war, brachte sein Günstling und Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs Riesengebirge in Vorschlag,welchem seine Herrlichkeit zuzustimmen nicht ermangelte. Es brauchte nicht mehr als den Zeitblick einer Minute, so war die weite Reise vollendet, und er befand sich mitten auf dem großen Rasenplatze seines ehemaligen Lustgartens, dem er nächst dem übrigen Zubehör die vorige Gestalt gab; doch blieb alles für menschliche Augen verborgen: die Wanderer, die übers Gebirge zogen, sahen nichts als eine fürchterliche Wildnis. Der Anblick all' dieser Dinge, die er damals, als die Prinzessin hier weilte, in einem rosenfarbenen Lichte schimmern sah, erneuerten alle Erinnerungen der verjährten Liebschaft, und ihm dünkte, die Geschichte mit der schönen Emma sei erft ehegestern vorgefallen, ihr Bild schwebte ihm noch so deutlich vor, als stünde sie neben ihm. Aber die Erinnerung, wie fse ihn überlistet und hintergangen hatte, 26 machte seinen Groll gegen die ganze Menscheit wieder rege. „Unseliges Erbengewürm", rief er aus, indem er aufschaute und vom hohen Gebirge die Türme der Kirchen in Städten und Flecken erbickte, „du treibst, sehe ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich baß geäfft burch Tucken und Ränke, sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und wohl plagen, daß dir soll bange werden vor dem Treiben des Geistes im Gebirge!" Kaum hatte er diese Worte gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge, und der keckste unter ihnen rief ohne Unterlaß: Rübezabl, komm herab! Rübezahl, Mädchendieb!" Von undenklichen Jahren her hatte Geschlecht auf Geschlecht die Liebesgeschichte des Berggeistes in mündlichen Überlieferungen getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften Zusätzen vermehrt, und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat, unterhielt sich mit seinen Gefährten von den Ubenteuern desselben. Man trug sich mit unzähligen Spuk geschichten, die sich niemals begeben hatten, machte damit zaghafte Wanderer fürchten, und die starken Geister, Witzlinge und Philosophen, die am hellen Tage und in zahlreicher Gesellschaft an keine Gespenster glauben und sich darüber lustig machen, pflegten aus Übermut oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft zu zitieren, aus Schäkerei bei seinem Spottnamen zu rufen und auf ihn zu schimpfen. Man hatte nie gehört, daß dergleichen Beleidigungen von dem friedsamen Berggeiste wären gerügt worden, denn in den Tiesen des Abgrundes erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er betroffen, da er seine ganze Lästerchronik jetzt so kurz und bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind raste er durch den düstern Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Trobt, der fich ohne Absicht über ihm lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem 27 Augenblick bedachte, daß eine so üble Rache großes Geschrei im Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum ließ er ihn nebst seinen Gefährten ruhig ihre Straßen ziehen mit dem Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungestraft hingehen zu lassen. Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen beiden Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner Heimat, an. Aber der unsichtbare Geleitsmann war ihm bis zur Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf Mittel, sich zu rächen. Von ungefähr begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher Israelit, der nach Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache zu gebrauchen. Also gesellte er sich zu ihm in der Gestalt des losen Gesellen, der ihn gefoppt hatte, und plauderte freundlich mit ihm, führte ihn unvermerkt seitab von der Straße, und da sie ins Gebüsch kamen, fiel er dem Juden mörderisch in den Bart, zauste ihn weidlich, riß ihn zu Boden, knebelte ihn und raubte ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten zum Abschied noch gar übel traktiert hate, ging er davon und ließ den armen geplünderten Juden halbtot in Busche liegen. Als sich der Israelit von seinen Schrecken erholt hatte, und wieder Leben in ihm war, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen, denn er fürchtete in der grausenvollen Einöde zu verschmachten. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann zu ihm, dem Ansehen nach ein Bürger aus einer der umliegenden Städte, fragte, warum er so jammerte und wie er ihn geknebelt fand, 28 löste er ihm die Vande von Händen und Füßen und leistete ihm alles das, was der barmherzige Samariter im Evangelium dem Manne tat, der unter die Mörder gefallen war. Nachher labte er ihn mit einem herrlichen Schluck eines erfrischenden Trunkes, den er bei sich trug, führte ihn wieder auf die Landstaße und geleitete ihn freundlich, wie der Engel Raphael den jungen Tobias, bis er ihn gen Hirischberg an die Tür der Herberge brachte; dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der Jude, da er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch erblickte, so frei und unbefangen als ein Mensch sein kann, der sich keiner Übeltat bewußt ist. Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und gute Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern, und neben ihm war das nämliche Felleisen, in welchem er den geraubten Säckel geborgen hatte. Der bestürzte Jude wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich sich in einen Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm ganz und gar unmöglich, sich in der Person geirrt zu haben, darum drehte er unbemerkt sich zur Tür hinaus, ging eilends zum Richter und brachte seinen Diebesgruß *) an. Die Hirischberger Justiz stand damals in dem Rufe, baß sie schnell und tätig sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, wenn es dabei etwas zu verdienen gab; wo sie aber von Amts wegen ihrer Pflicht Genüge leisten mußte, ging sie wie anderwärts ihren Schneckengang. Der erfahrene Israelit war mit dem gewöhnlichen Gange derselben schon bekannt und verwies den unentschlossenen Richter, der lange zögerte, die Anzeige niederzuschreiben,auf das blendende Beweismittel, und diese güldene Hoffnung unter *So hieß ehemals die gesetzliche Anzeige eines Diebstahls. 29 ließ nicht, einen Verhaftungsbefehl auszuwirten. Häscher bewaffneten sich mit Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die weisen Väter indes versammelt hatten. „Wer bist du?" fragte der Stadtrichter, als der Angeklagte hereintrat, “und von wannen kommst du?" Er antwortete freimütig und unerschrocken: „Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister." "Hast du nicht diesen Juden im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen, gebunden und seines Säckels beraubt?" „Ich habe diesen Juden nie mit Augen gesehen, hab ihn auch weder geschlagen noch gebunden, noch seines Säckels beraubt. Ich bin ein ehrlicher Zünftler und kein Straßenräuber." „Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?" „Mit meiner Kundschaft und dem Zeugnis meines guten Gewissens." „Weis' auf deine Kundschaft." Benedix öffnete getrost das Felleisen, denn er wußte wohl, daß er nichts als sein erworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch wie er es ausleerte, sieh da! da klingelt's unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die Häscher griffen hurtig zu, warten den Kram auseinander und zogen den schweren Säckel hervor, welchen der erfreute Jude alsbald als sein Eigentum erkannte. Der Wicht stand da wie vom Donner gerührt, wollte vor Schrecken umsinken, ward bleich um die Nase, die Lippen bebten, die Kniee wankten, er verstummte und sprach kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte sich, und eine drohende Gebärde weissagte einen strengen Bescheid. „Wie nun, Bösewicht!" donnerte der Stadtvogt, „erfrechst du dich noch, den Raub zu leugnen?" 30 „Erbarmung, gestrenger Herr Richter!" winselte der Angeklagte auf den Knieen mit hochaufgehobenen Händen. „Alle Heiligen im Himmel ruf ich zu Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des Juden Säckel in mein Felleisen gekommen ist, Gott weiß es." „Du bist überwiesen", redete der Richter fort, „der Säckel zeihet dich genugsam des Verbrechens, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre und bekenne freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit abzufoltern." Der geängstigte Benedix konnte nichts als seine Unschuld beteuern; aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn für einen hartnäckigen Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte. Meister Hämmerling*), der fürchterliche Wahrheitsforscher, wurde hereinberufen, durch die stählernen Beweismittel seiner Beredsamkeit ihn zu vermögen, Gott und der Obrigkeit die Ehre anzutun, sich um den Hals zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die seiner warteten. Da der Peiniger im Begriff war, ihm die Daumenstöcke anzulegen, bedachte er, daß diese Operation ihn untüchtig machen würde, jemals wieder in Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl bleiben sein Leben lang, schien es ihm besser, mit einemmal von der Marter loszukommen und gestand das Bubenstück ein, davon sein Herz nichts wußte. Der Kriminalprozeß wurde hierauf kurzer Hand abgetan und der Angeklagte von Richter und Schöffen zum Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch zur Pflegung schneller Justiz und zur Ersparung der Atzungskosten gleich Tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden sollte. *) Der Scharfrichter. 31 Alle Zuschamer, welche das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu als der barmherzige Samariter, der fich mit in die Kriminalstube eingeschlichen hatte und nicht satt werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu preisen; und in der Tat hatte auch niemand näheren Anteil an der Sache als eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Juden Säckel in des Schneiders Felleisen verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl selbst war. Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, und es regte sich sogleich in ihm der Rabenappetit, dem neuen Ankömmling die Augen auszuhacken; aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder nämlich, der bie letzte Nacht bei dem Verurteilten verweilte, um ihn auf den Tod vorzubereiten, fand an dem unwissenden Benedix einen so rohen, wüsten Klotz, daß es ihm unmöglich schien, in so kurzer Zeit einen frommen Menschen aus ihm zu machen; er bat deshalb das Kriminalgericht um einen dreitägigen Ausschub, den er dem frommen Magistrat nicht ohne große Mühe und unter Androhung des Kirchenbannes endlich abzwang. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins Gebirge, den Hinrichtungstermin daselbst zu erwarten. In diesem Zwischenraume durchtrich er nach Gewohnheit die Wälder und erblickte auf diesem Streifzuge eine hübsche Jungfrau, die sich unter einen schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermütig herab, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit verwischte sie mit der Hand eine herabrollende Zähre von den Wangen, und stöhnende Seufzer quollen aus ihrer Brust hervor. 32 Schon ehemals hatte der Gnome die mächtigen Eindrücke jungfräulicher Zahren empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, daß er von dem Gesetz, welches er sich auferlegt hatte, alle Adamskinder, die durchs Gebirge ziehen würden, zu tücken und zu quälen, die erste Ausnahme machte, die Empfindung des Mitleidens sogar als ein wohltuend Gefühl erkannte und Verlangen trug, die Schöne zu trösten. Er gestaltete sich wieder als ein ehrbarer Bürger, trat an die Jungfrau freundlich heran und sprach: „Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle mir nicht deinen Kummer, daß ich zusehe, wie dir zu helfen sei." Das Mädchen, das ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, als es diese Stimme hörte, und erhob das erdwärts gesenkte Haupt. Ha, was für ein schmachtendes blaues Augenpaar blickte da hervor, dessen sanft gebrochenes Licht ein Herz von Stahl zu schmelzen fähig war! Zwei helle Tränen glänzten darinnen wie Karfunkeln, und das holde jungfräuliche Antlitz war mit dem Ausdruck banger Schmerzensgefühle übergossen, wodurch die Reize des lieblichen Gesichtes nur noch mehr erhoben wurden. Da sie den ehrsamen Mann vor sich stehen sah, öffnete sie ihren Purpurmund und sprach: „Was tümmert euch mein Schmerz, guter Mann, sintemal mir nicht zu helfen ist. Ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und Tränen, bis mir der Tod das Herz zerbricht." Der ehrbare Mann staunte. „Du eine Mörderin?" rief er, „bei diesem himmlischen Gesicht trügest du die Hölle im Herzen? Unmöglich! - Zwar die Menschen sind aller Bosheit fähig, das weiß ich; gleichwobl ist mir's hier ein Rätsel" „So will ich's euch lösen", erwiderte die traurige Jungfrau, „wenn ihr es zu wissen begehrt.” 33 Er sprach: „Sag an!" „Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn einer tugendsamen Wittib, meiner Nachbarin, der mich zu seinem Liebchen erkor, als er heranwuchs. Er war so lieb und gut, so treu und bieder, liebte so standhaft und herzig, daß er mir das Herz stahl und ich ihm ewige Treue gelobte. - Ach, das Herz des lieben Jungen habe ich Natter vergiftet, habe ihn der Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen gemacht und ihn zu einer Übeltat verleitet, wofür er das Leben verwirkt hat!" Der Gnome rief verwundert: „Du?" „Ja, Herr", sprach sie, ich bin seine Mörderin, hab ihn gereizt, einen Straßenraub zu begehen und einen schelmischen Juden zu plündern; da haben ihn die Herren von Hirschberg ergriffen, Halsgericht über ihn gehalten, und, o Herzeleid! Morgen wird er abgetan." „Und das hast du verschuldet?" frug vermundert Rübezahl. „Ja, Herr! Ich hab's auf meinem Gewissen, das junge Blut!" „Wie das?" „Er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge, und als er beim Abschied an meinem Halse hing, sprach er: Fein Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum dritten Male blüht, und die Schwalbe zu Neft trägt, kehr' ich von der Wanderschaft zurück, dich heimzuholen als mein junges Weib. Und das gelobte ich ihm zu werden durch einen teuern Eid. Nun blühte der Apfelbaum zum dritten Male, und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner Zusage und wollte mich zur Trauung führen. Ich aber neckt' und höhnt’ ihn, wie die Mädchen oft den Freiern tun, und sprach: „Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch Obdach. Schaff’ dir erst blanke Batzen an, dann frage wieder zu." Der arme Junge Rübezahl, 3 34 wurde durch diese Rede sehr betrübt. „Uch Klärchen!" seufzte er tief, mit einer Träne im Auge, steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so bist du nicht das biedere Mädchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurst? Und was hatte ich mehr als diese Hand, dich einst damit zu ernähren? Woher dein Stolz und spröder Sinn? Ach, Klärchen, ich verstehe dich: ein reicher Freier hat mir dein Herz entwendet. Lohnst du mir also, Ungetreue? Drei Jahre habe ich mit Sehnsucht und Harren traurig verlebt, habe bis auf diesen Tag, da ich kam, dich heimzuführen, jede Stunde gezählt. Wie leicht und rasch machte meinen Fuß Hoffnung und Freude, da ich übers Gebirge wandelte, und nun verschmähst du mich!" Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem Sinn: „Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix!" antwortete ich, „nur meine Hand versag’ ich dir vorjetzt; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, und hast du das, so komm, dann will ich gern dein Weib merden." „Wohlan", sprach er mit Unmut, „du willst es so, ich gehe in die Welt, will laufen, will rennen, will betteln, stehlen, sparen, sorgen, und eher sollst du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich dich erwerben muß. Leb' wohl, ich fahre hin, Ade!" - „So hab' ich ihn betört, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon, da verließ ihn sein guter Engel, daß er tat, was nicht recht war, und was sein Herz gewiß verabscheute." Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede, und rief nach einer Pause mit nachdenklicher Miene: „Wunderbar, höchst wunderbar!" Hierauf wendete er sich zu der Schönen: „Warum", fragte er, „erfüllst du aber hier den leeren Wald mit deinem Weheklagen, die dir und deinem Liebsten nichts nützen und frommen können?" 35 „Lieber Herr", fiel sie ihm ein, „ich war auf dem Wege nach Hirschberg, da wollte mir der Jammer das Herz abdrücken, darum weilt ich unter diesem Baume." „Und was willst du in Hirschberg tun?" „Ich will dem Blutrichter zu Füßen fallen, will mit meinem Klagegeschrei die Stadt erfüllen, und die Töchter der Stadt sollen mir wehklagen helfen, ob das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu schenken; und so mir's nicht gelingt, meinen Liebsten dem Tode zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben." Der Geist wurde durch diese Rede so bewegt, daß er von Stund an seiner Rache ganz und gar vergaß und der Trostlosen ihren Liebsten wiederzugeben beschloß. „Trockne ab deine Tränen", sprach er mit teilnehmender Gebärde, „und laß deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zu Rüste geht, soll dein Benedix frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und horchsam, und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu auf die Tür zu deinem Kämmerlein; denn es ist dein Benedix, der davor steht. Hüte dich, ihn nicht wieder wild zu machen durch deinen spröden Sinn. — Du sollst auch wissen, daß er das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihn zeihst, und du hast gleichfalls keine Schuld, denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner bösen Tat reizen lassen." Die Dirne, verwundert über diese Rede, sah ihn starr und steif ins Geficht, und weil darin das Fältlein des Trugs sich nicht offenbarte, gewann sie Zutrauen, ihre trübe Stirn klärte fich auf, und sie sprach mit froher Zweifelmütigkeit: „Lieber Herr, wenn ihr mein nicht spottet, und dem also ist wie ihr sagt, so müßt ihr ein Seher oder der gute Engel meines Liebsten sein, daß ihr das all so wißt." 3* 36 „Sein guter Engel?" versetzte Rübezahl betroffen, „nein, der bin ich wahrlich nicht; aber ich kann’s werden, und du sollst's erfahren! Ich bin ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Sünder verurteilt wurde; aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Banden zu entledigen, denn ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden." Das Mägdlein machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und Hoffnung in ihrer Seele kämpften. Der ehrwürdige Pater hatte sich's die drei Tage des Aufschubs blutsauer werden lassen, den armen Benedix gehörig vorzunehmen, um seine arme Seele der Hölle zu entreißen, der sie seiner Meinung nach verpfändet war von Jugend auf. Denn unser Schneider war ein unwissender Laie, der um Nadel und Schere ungleich bessern Bescheid wußte, als um den Rosenkranz. Den Engelgruß und das Paterunser mengte er stets durcheinander und von dem Glaubensbekenntnis wußte er keine Silbe; der eifrige Mönch hatte alle Mühe von der Welt, ihn das letztere zu lehren, und brachte mit dieser Arbeit zwei volle Tage zu. Denn wenn er sich die Formel aufsagen ließ, und das Gedächtnis des armen Sünders auch nicht strauchelte, so unterbrach doch oft ein Gedanke an das Irdische und der halblaute Seufzer: „Ach Klärchen!" die ganze Lektion, weshalb es der fromme Bruder zuträglich fand, dem verlorenen Schafe die Hölle recht heiß zu machen, und das gelang ihm auch dergestalt, daß der geängstigte Benedix kalten Todesschweiß schwitzte und zu geheiligter Freude seines Bekehrers sein Klärchen rein darüber vergaß. Erfreut über diesen Erfolg, verließ der ehrwürdige Pater den Kerker, nachbem er dem trostlosen Benedix zum letzten Male gute Nacht gewünscht hatte, als ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim 37 Eingange begegnete, noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit zu setzen, so auszuführen vermöchte, daß den Herren von Hirschberg der Spaß nicht verdorben würde, einen Akt ihrer verjährten Rechtspflege auszuüben, denn der Magistrat hatte sich durch die schnelle Gerechtigkeitspflege bei ihm in guten Kredit gesetzt. In dem Augenblicke geriet er auf einen Einfall, der recht nach seinem Sinne war. Er schlich dem Mönche ins Kloster nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab sich in der Gestalt des Bruders Graurock ins Gefängnis, welches ihm der Kerkermeister ehrerbietig öffnete. „Das Heil deiner Seele", redete er den Gefungenen an, „treibt mich nochmals hierher, da ich dich kaum verlassen habe Sag' an, mein Sohn, was hast du noch auf deinem Herzen und Gewissen, damit ich dich tröste" „Ehrwürdiger Pater", antwortete Benedix, „mein Gewissen beißt mich nicht; aber euer Fegfeuer bangt und ängstet mich und preßt mir das Herz zusammen, als läg's zwischen den Daumenstöcken" Freund Rübezahl hatte von kirchlichen Lehrmeinungen sehr unvollständige und verworrene Begriffe, daher war ihm die Querfrage: „Wie meinst du das?" wohl zu verzeihen. „Ach", entgegnete Benedix, „in dem Feuerpfuhl bis an die Knie zu waten, Herr, das halt ich nicht aus!" „Narr", versetzte Rübezahl, „so bleib doch davon, wenn dir das Bad zu heiß ist." Benedix ward an dieser Rede irre, und sah den Mönch so starr ins Gesicht, daß dieser merkte, er habe irgend eine Ungeschicklichkeit hervorgebracht, darum lenkte er ein: „Davon ein andermal; denkst du auch noch an Klärchen? Liebst du sie noch als deine Braut? Und hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu sagen, so vertraue es mir an." Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr, der Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu ersticken be- 38 müht gewesen war, wurde auf einmal so heftig angefacht, besonders da vom Abschiedsgruße die Rede war, daß er überlaut anfing zu weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermögend war. Diese herzbrechende Gebärdung jammerte den mitleidigen Mönch also, daß er beschloß, dem Spiel ein Ende zu machen. „Armer Benedix", sprach er, „gib dich zufrieden und sei getrost und unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß du unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu reißen und der Banden zu entledigen." Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. „Laß sehen", suhr er fort, „ob er schließt." Der Persuch gelang, der Entfesselte stand da frank und frei. Hierauf wechselte der gutmütige Pater mit ihm die Kleider und sprach: „Gehe gemachsam wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir hast, dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, daß du gelangst ins Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehst, klopfe leife an, dein Liebchen harret deiner mit ängstlichem Verlangen." Der gare Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, rieb fich die Augen, zwickte sich in die Arme und Waden, um zu versuchen, ob er wache oder schlafe, und da er inne ward, daß sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Füßen und und umfing seine Kniee, wollte eine Danksagung stammeln und lag da in stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der liebreiche Mönch trieb ihn endlich fort und reichte ihm noch einen Laib Brot und eine Knackwurst zur Zehrung auf den Weg. Mit wankendem Knie schritt der Befreite über die Schwellen des traurigen Kerkers und fürchtete immer, erkannt zu werden. 39 Aber sein ehrwürdiger Rock gab ihm einen Wohlgeruch von Frömmigkeit und Tugend, daß die Wächter nichts von einem Mörder darunter witterten. Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein, horchte auf jedes Rauschen des Windes und spähte nach jedem Fußtritt der Vorübergehenden. Oft dünkte ihr, es rege sich was am Fensterladen, oder es klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die Luke, und es war Täuschung. Schon schütteln die Hähne in der Nachbarschaft ihre Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmette, das ihr wie Totenruf und Grabesklang tönte; der Wächter stieß zum letztenmal ins Horn und weckte die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagewerke. Klärchens Lämpchen fing an dunkel zu brennen, weil's ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte sich mit jedem Augenblick und ließ sie nicht die herrliche Rose von guter Vorbedeutung bemerken, die an dem glimmenden Docht brannte. Sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich und seufzte: „Benedix! Benedix! Was für ein bänglicher Tag für dich und mich dämmert jetzt heran!" Sie lief ans Fenster, ach! blutrot war der Himmel nach Hirchberg hin und schwarze Nebelwolken schwebten wie Trauerflor und Leichentücher hin und wieder am Horizonte. Ihre Seele bebte von diesem ahnungsvollen Anblick zurück, sie sank in dumpfes Hinbrüten, und Totenstile war um sie her. Da pocht's dreimal leise an ihr Fenster, als ob fich's ankündigte. Ein froher Schauer durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten Schrei; denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: "Fein Liebchen, bist du wach?"— Husch war sie an der Tür — „Ach, Benedix, bist du's oder ist's dein Geist?" Wie sie aber den Bruder Graurock erblickte, sank sie zurück und fiel vor Ent- 40 fetzen ohnmächtig hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm, und der Kuß der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben. Nachdem die stumme Szene des Erstaunens und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem peinlichen Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und Ermattung. Klärchen ging, ihm einen Trunk frischen Wassers zu holen und nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger, aber sie hatte nichts zum Imbiß als Salz und Brot. Da gedachte Benedix an seine Knackwurst, zog sie aus seiner Tasche, und wunderte sich baß, daß sie schwerer war als ein Hufeisen, brach sie voneinander, siehe! da fielen eitel Goldftücke heraus, worüber Klärchen nicht wenig erschrak, meinte, das Gold sei ein schändliches Andenken von dem Raube an dem Juden, und Benedix sei nicht so unschuldig als ihn der ehrsame Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose Geselle beteuerte höchlich, daß der fromme Ordensmann ihm diesen verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und sie glaubte seinen Worten. Darauf segneten beide mit dankbarem Herzen den edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo Meister Benedix mit Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein wohlbehaltener Mann in friedlicher Ehe bei reichem Kindersegen lebte. Die Galgenscheu war so tief bei ihm eingewurzelt, daß er seinen Kunden nie etwas veruntreute, und, wider Natur und Brauch seiner Zunstgenossen, auch nicht den kleinsten Abschnitt in die Hölle*) warf. *) Den Schneidern sagte man früher nach, daß sie häufig Tuchreste ihrer Kunden durch eine runde Öffnung in ihrem Schneidertisch - die Hölle genannt - verschwinden ließen. 41 In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger ihres Benedix am Fenster vermerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der, von frommem Eifer auferweckt, den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, um die Bekehrung des armen Sünders zu vollenden und ihn als einen halben Heiligen dem gewaltsamen Arm des Henkers zu überantworten. Rübezahl hatte einmal die Rolle des Gefangenen übernommen und war entschlossen, sie zur Ehre der Justiz rein auszuspielen. Er schien wohlgefaßt zum Sterben zu sein, und der fromme Mönch freute sich darüber und erkannte die Standhaftigkeit alsbald für die gesegnete Frucht seiner Arbeit an der Seele des armen Sünders, darum ermangelte er nicht, ihn in dieser Gemütsverfassung durch seinen geistlichen Zuspruch zu erhalten, und beschloß seine Rede mit dem tröstlichen Weihespruch: „So viel Menschen du bei deiner Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, siebe, so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele in Empfang zu nehmen und sie einzuführen ins schöne Paradies." Darauf ließ er ihn die Fesseln entledigen, wollte die Beichte abhören und dann absolvieren; doch viel ihm ein, vorher noch die gestrige Lektion zu wiederholen, damit der arme Sünder unterm Galgen im geschlossenen Kreise sein Glaubensbekenntnis frei und ohne Anstoß zur Erbauung der Zuschauer hersagen möchte. Aber wie erschrak der Ordensmann, da er inne ward, daß der ungelehrige Schneider sein Glaubensbekenntnis die Nacht über völlig verschwitzt hatte! Der fromme Mönch war der Meinung, der Satanas sei hier im Spiel und wolle dem Himmel die gewonnene Seele entreißen, darum fing er kräftig an zu bannen; aber der Teufel wollte sich nicht austreiben und das Glaubensbekenntnis sich nicht in des Sünders Kopf hineinzwingen lassen. 42 Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafür, daß es nun an der Stunde sei, den Leib zu töten. Ohne der Exekution länger Ausschub zu gestatten, wurde der Stab gebrochen, und obwohl Rübezahl als ein verstockter Sünder hingestellt wurde, unterwarf er sich doch allen übrigen Formalitäten der Hinrichtung ganz willig. Wie er von der Leiter gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust, und trieb das Spiel so arg, daß dem Henker dabei übel zu Mute ward, denn es erhob sich ein plötzliches Getöse im Volk und einige schrieen, man solle den Hangmann steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an, als sei er tot. Da sich aber das Volt verlaufen hatte, und nachher einige Leute in der Gegend des Hochgerichts hin und herwandelten, aus Vorwitz hinzutraten und den Leichnam beschauen wollten, fing der Scherzmacher am Galgen sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt ein Gerücht um, der Gehangene könne nicht sterben und tanze noch immer am Hochgericht, welches den Senat bewog, des Morgens in aller Frühe durch einige Deputierte die Sache genau untersuchen zu lassen. Wie sie nun dahin kamen, fanden sie nichts als ein Wischlein Stroh am Galgen mit alten Kumpen bedeckt, wie man pflegt in die Erbsen zu stellen, die naschhaften Spatzen damit zu scheuchen. Darüber wunderten sich die Herren von Hirschberg gar sehr, ließen in aller Stille den Strohmann abnehmen und verbreiteten das Gerücht, der große Wind habe zur Nachtzeit den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze geweht.
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